Heute steht die Straße von Hormus im Zentrum internationaler Spannungen. Doch ihre geopolitische Bedeutung begann nicht erst mit dem Erdölzeitalter. Bereits in der Antike verband dieser schmale Korridor bedeutende Zivilisationsräume und prägte den Handel zwischen Orient und Okzident.
Die Straße von Hormus als strategischer Engpass
Dieser Seeweg sorgt derzeit für besondere Aufmerksamkeit. Seit Beginn des von Donald Trump begonnenen Krieges gegen Iran ist die Straße von Hormus ein zentrales Thema der internationalen Politik. Als wichtiger Knotenpunkt des Handels werden über sie fast 20 % der weltweiten Kohlenwasserstoffproduktion transportiert. Eine Blockade hätte entsprechend weitreichende Folgen.
Die nur 55 Kilometer breite Passage liegt zwischen Iran, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und verbindet den Persischen Golf mit dem Indischen Ozean. Gerade ihre geringe Breite macht sie verwundbar – und das schon seit der Antike. Hormus ist seit den Anfängen der Geschichte ein strategisch bedeutsamer Ort.
Die Straße von Hormus: Mesopotamiens Zugang zur Außenwelt
Handelsbeziehungen zwischen weit voneinander entfernten Regionen sind keineswegs eine Erfindung der Gegenwart. Schon im 3. Jahrtausend vor Christus tauschten die sumerischen Stadtstaaten im Süden des heutigen Irak Waren mit den Reichen am Persischen Golf und im Industal, im heutigen Pakistan, aus. Kupfer, Holz, Lapislazuli, Textilien und Perlen: Die Sumerer segelten in diese fernen Länder, um Handel zu treiben.
Zahlreiche Tontafeln aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., darunter Funde aus Lagasch und Uruk, belegen regelmäßige Handelskontakte. Sargon von Akkad, der im 24. Jahrhundert v. Chr. das erste Reich der Geschichte gründete, nennt in seinen Inschriften mehrere weit entfernte Länder: Dilmun, das mit dem heutigen Bahrain gleichgesetzt wird, sowie insbesondere die Reiche Magan, also Oman, und Meluhha im Industal. Diese lagen als Handelspartner jenseits der Meerenge. Schon in der Frühzeit der Geschichte war Hormus damit eine unvermeidliche Durchgangsroute, auch wenn der Ort noch nicht die heutige strategische Dimension besaß.
Über die Jahrtausende hinweg blieb diese Handelsroute bedeutsam und entwickelte sich zu einer zentralen Verbindung zwischen Orient und Okzident. Nearchos, der Flottenbefehlshaber Alexanders des Großen, erhielt 325 v. Chr. den Auftrag, mit 120 Schiffen vom Indus nach Babylon zu fahren. Ziel war es, eine dauerhaft nutzbare Seeroute einzurichten. Das Vorhaben gelang: Die hellenistischen Reiche verwendeten sie anschließend weiter. Nearchos schilderte die Reise in seinem Periplus, dessen Inhalt Arrian in der Indica überliefert. Er berichtet von der unwirtlichen Küste, den Schwierigkeiten beim Anlanden, dem rauen Wetter und der Tierwelt, insbesondere von Walen. Für nachfolgende Händler waren diese Hinweise von großem Wert.
Die Straße von Hormus im Römischen Reich
Auch unter dem Römischen Reich waren Handelsverbindungen zwischen dem Westen und dem Osten längst üblich. Rom unterhielt Kontakte bis zu den indischen Reichen und möglicherweise sogar bis nach China. Plinius schreibt beispielsweise in seiner Naturgeschichte:
„Kein Jahr vergeht, in dem Indien dem Reich nicht weniger als 50 Millionen Sesterzen abnimmt. Im Gegenzug liefert es uns Waren, die bei uns zum Hundertfachen verkauft werden.“
Pfeffer, Gewürze, Aromastoffe, Seide, Stoffe, Elfenbein, Perlen, Edelsteine und Holz gehörten zu den zahlreichen gehandelten Gütern. In Indien haben Archäologen sogar Tausende römische Münzen entdeckt, die von diesem Handel zeugen.
Dabei handelte es sich eher um einen indirekten als um einen unmittelbaren Austausch, da zahlreiche Zwischenhändler beteiligt waren. Während der frühen römischen Kaiserzeit, im 1. und 2. Jahrhundert, trennte das Partherreich Rom vom übrigen Asien. Es kontrollierte Hormus, das den Römern unter dem Namen Fretum Persicum bekannt war. Die Parther erhoben dort selbstverständlich Durchgangsabgaben. Zwar übten sie keine maritime Kontrolle im modernen Sinn aus, doch beherrschten sie Häfen, Zwischenstationen und Karawanenwege. Dadurch konnten sie Waren im Transit besteuern.
Das Römische Reich kontrollierte die Straße von Hormus niemals, kam diesem Ziel jedoch nahe. Kaiser Trajan eroberte 117 Mesopotamien und erhielt damit Zugang zum Persischen Golf und folglich auch zur Meerenge. Lange konnte er seinen Erfolg allerdings nicht nutzen: Noch im selben Jahr starb er auf dem Rückweg nach Rom. Sein Nachfolger Hadrian entschied umgehend, die Region aufzugeben. Sie lag zu weit entfernt und war zu schwierig unter römischer Herrschaft zu halten. Ein schwerer Verlust? Nicht wirklich.
Roms Ausweichroute über das Rote Meer
Tatsächlich hatte Augustus bereits eine alternative Route nach Indien ausgebaut, die zuvor von Ägyptern, Persern und Griechen genutzt worden war. Sie führte über Ägypten, insbesondere über die Häfen Berenike und Myos Hormos, und das Rote Meer. Diese im Periplus des Erythräischen Meeres beschriebene Strecke war länger, aber auch sicherer. Dennoch nutzten manche römischen Händler weiterhin die Straße von Hormus, um die östlichen Reiche zu erreichen. In seinem Werk Das Schiff von Palmyra schildert Maurice Sartre das Schicksal von Marcus Ulpius Iarhai, einem in Palmyra im heutigen Syrien ansässigen römischen Würdenträger des 2. Jahrhunderts n. Chr. Marcus Ulpius Iarhai war stark im Handel engagiert und organisierte sowie schützte Karawanen, die von Palmyra den Euphrat hinabzogen und anschließend auf dem Seeweg über Hormus nach Indien reisten. Palmyra stand damals unter römischer Herrschaft und war eines der wichtigsten östlichen Tore des Reiches. Es handelt sich nur um ein einzelnes Zeugnis, bestätigt jedoch die regelmäßige Nutzung dieser Handelsroute durch Kaufleute. Aufgrund seiner geografischen Lage zog Palmyra erheblichen Nutzen aus dem Verkehr über Hormus, weshalb Handelskonvois organisiert und geschützt wurden.
Seit Beginn unserer Zeitrechnung war Hormus somit ein entscheidender Durchgangsort, dessen Kontrolle Auswirkungen auf den Welthandel hatte. Rom verfügte mit der Umgehungsroute über eine Alternative, doch die Handelsbeziehungen unterschieden sich damals deutlich und waren für die Weltwirtschaft weniger lebenswichtig.
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