Junge Weißstörche, die mit Nahrung von Deponien aufgezogen werden, weisen bereits im Alter von einer Woche Anzeichen genetischer Schäden auf. Die Beeinträchtigungen entstehen, während die Vögel noch hilflose Nestlinge im Nest sind.
Dem frühen Schaden steht jedoch ein deutlicher Vorteil gegenüber. Störche, die auf Deponien Nahrung suchen, nehmen stärker an Gewicht zu und legen größere Energiereserven an als Artgenossen, die natürliche Beute jagen.
Forschende müssen daher abwägen, ob die leicht verfügbare Mahlzeit heute diese Vögel später mit ihrer Gesundheit bezahlen lässt.
Müll wird zum neuen Fast Food
Bereits seit den 1980er-Jahren durchsuchen Weißstörche in Westeuropa Deponien nach Nahrung. In Osteuropa ist dieses Verhalten dagegen erst seit Kurzem verbreitet. Polnische Störche haben diese Nahrungsquelle erst im vergangenen Jahrzehnt entdeckt; die meisten suchen weiterhin auf den Feldern und in den Feuchtgebieten nach Beute, die schon ihre Vorfahren nutzten.
Diese Unterschiede bieten Forschenden einen natürlichen Vergleich. Anustup Bandyopadhyay, Doktorand an der Universität für Veterinärmedizin Wien (Vetmeduni), leitet ein Forschungsprojekt, das klären soll, welche Folgen die Deponieernährung für Weißstörche hat, die davon abhängig sind.
„Der weltweit zunehmende Trend der Abfallproduktion schafft neue Möglichkeiten zur Nahrungssuche für Wildtiere“, sagte Bandyopadhyay. Mit seiner Forschung will er feststellen, ob diese Möglichkeiten den Vögeln nützen oder ihnen schaden.
Warum Weißstörche Deponien aufsuchen
Auf einer Deponie ist Nahrung zu jeder Jahreszeit verlässlich und leicht erreichbar. Die Störche müssen weniger Zeit mit der Jagd verbringen und können die eingesparte Energie in die Fortpflanzung stecken.
Die polnischen Mitglieder des Teams stellten fest, dass die Vögel Deponien vor allem in der Mitte der Brutsaison besuchen – genau dann, wenn die Nestlinge schnell wachsen und den höchsten Nahrungsbedarf haben.
Damit fällt die Ernährung mit der geringsten Qualität in die empfindlichste Phase im Leben eines Kükens.
Giftige Bestandteile der Nahrung
Das Team hatte erwartet, dass ernährungsbedingte Schäden erst nach mehreren Wochen mit Deponienahrung sichtbar würden, also gegen Ende der Nestlingszeit. Stattdessen zeigten sich Hinweise auf DNA-Schäden schon bei Küken, die erst etwa eine Woche alt waren.
Wenn Weißstörche auf Deponien fressen, nehmen sie eine Mischung menschlicher Abfälle auf, darunter Fleisch, Würmer, Nagetiere und Insekten, die vom Müll angezogen werden.
Daneben gelangen unvermeidlich Kunststoff, Draht, Glas und Schwermetalle in ihren Körper. Einer Studie zufolge tragen die Vögel diese Verschmutzung sogar in Feuchtgebiete und auf landwirtschaftliche Flächen, die weit von der Deponie entfernt liegen.
Als wahrscheinliche Ursache gilt das Zusammenspiel von mangelhafter Ernährung und Schadstoffbelastung. Verunreinigungen und minderwertige Nahrung können oxidativen Stress auslösen – eine Art inneren Verschleiß, bei dem sich instabile Moleküle schneller ansammeln, als der Körper sie abbauen kann. Dadurch kann die DNA in den Zellen geschädigt werden.
Um diese Folgen zu verfolgen, entnahm das Team Küken beider Ernährungsgruppen Blut- und Gewebeproben. Untersucht wurden die Konzentrationen von Stresshormonen sowie chemische Marker dieses molekularen Verschleißes.
Zusätzlich prüften die Forschenden, wie effizient die Zellen der Vögel Energie erzeugten. Körpermessungen und Satellitensender machten anschließend sichtbar, wie die jungen Weißstörche nach dem Verlassen des Nestes wuchsen und reisten.
Wachstum hat seinen Preis
Oberflächlich betrachtet schienen die Deponieküken im Vorteil zu sein. Sie nahmen mehr Gewicht zu und bauten größere Energiereserven auf als Küken, die mit natürlicher Beute gefüttert wurden. Ein solcher Vorsprung gilt normalerweise als Zeichen für gute Zukunftsaussichten.
Frühere Untersuchungen an spanischen Störchen zeigten dieselbe Gegenüberstellung aus frühem Gewinn und späteren Nachteilen. Eine Studie berichtete, dass eine intensive Nutzung von Deponien den Bruterfolg erhöhte, zugleich aber die Wahrscheinlichkeit verringerte, dass Jungvögel ihr erstes Jahr selbstständig überlebten.
Als mutmaßliche Gründe für diese geringeren Überlebenschancen galten schlechte Nahrung, Schadstoffe und krankheitserregende Mikroorganismen, die früh aufgenommen wurden.
Die von Wien geleiteten Ergebnisse deuten nun auf eine Verbindung zwischen beiden Befunden hin: Die in der ersten Woche dokumentierten Schäden könnten der Beginn von Problemen sein, die erst lange nach dem Verlassen des Nestes sichtbar werden.
Weißstörche, die nicht mehr ziehen
Die Anziehungskraft einer konstanten Nahrungsquelle wirkt sich nicht nur auf den Körper aus. Sie beginnt auch, das Zugverhalten selbst zu verändern.
In Spanien und Portugal bleiben Weißstörche, die früher jeden Winter nach Afrika flogen, zunehmend das ganze Jahr über vor Ort und ernähren sich während der kalten Monate von Deponieabfällen.
Die spanischen Störche behielten ihre Nester sogar ganzjährig bei – ein Verhalten, das unbekannt war, als die Population noch zog.
Tracking-Studien haben diese Veränderung auf der Iberischen Halbinsel detailliert dokumentiert. Eine Untersuchung zu dort ansässigen Störchen ergab, dass sie außerhalb der Brutsaison besonders stark auf Deponien angewiesen waren.
Mehr als der äußere Eindruck bei Weißstörchen
Der Beitrag des Wiener Teams liegt vor allem im Zeitpunkt der Schäden. Bislang nahm man an, dass die Folgen einer Deponieernährung sich langsam über die Wochen der Nestlingszeit aufbauen. Diese Küken tragen jedoch schon im Alter von kaum einer Woche entsprechende Spuren.
Dieser frühe Beginn verändert die Bewertung von Störchen, die nach allen äußerlich erkennbaren Maßstäben gesund und erfolgreich wirken.
Polens Vögel stehen am Anfang derselben Entwicklung. Deshalb sind die Schäden bei einwöchigen Küken ein Warnsignal, das beobachtet werden sollte, während immer mehr Störche den Zug gegen die Deponie eintauschen.
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