Während Europa infolge des Konflikts im Nahen Osten eine beispiellose Energiekrise erlebt, profitiert ein Land besonders: Norwegen. Seit Russland als Lieferant weitgehend ausgefallen ist, hat sich das skandinavische Königreich zum wichtigsten Gasversorger des Kontinents entwickelt und nun mehrere ebenso weitreichende wie umstrittene Massnahmen beschlossen, um seine Förderung weiter auszubauen.
Inzwischen stammt ein Drittel des in Europa verbrauchten Gases von norwegischen Förderplattformen in der Nordsee, der Barentssee und dem Norwegischen Meer. Zudem deckt das Land 10 % des europäischen Ölbedarfs. Seit Beginn des Krieges im Iran und dem anschliessenden Preisanstieg erzielt Equinor, der staatliche Ölkonzern, einen Rekord nach dem anderen.
Im ersten Quartal 2026 förderte das Unternehmen täglich 2,31 Millionen Barrel Öläquivalent – fast 9 % mehr als im Vorjahreszeitraum. Deshalb will Oslo den Ausbau weiter vorantreiben. Die Arbeiterregierung von Ministerpräsident Jonas Gahr Støre genehmigte die Wiederinbetriebnahme von drei seit 1998 stillgelegten Gasfeldern in der Nordsee: Albuskjell, Vest Ekofisk und Tommeliten Gamma. In ihnen sollen zwischen 90 und 120 Millionen Barrel Öläquivalent an förderbaren Reserven liegen.
Das Vorhaben mit einem Volumen von 19 Milliarden Kronen, umgerechnet etwa 1,5 Milliarden Euro, wird von einem Konsortium aus ConocoPhillips, Vår Energi, Petoro und dem polnischen Unternehmen Orlen getragen. Die Förderung soll bis Ende 2028 wieder beginnen und bis 2048 laufen. Das Gas wird per Pipeline nach Deutschland transportiert; ein Teil des gewonnenen Leichtöls ist für den Export nach Grossbritannien vorgesehen.
Norwegisches Gas: 70 neue Gebiete zur Erkundung
Damit nicht genug: 70 weitere Explorationsblöcke wurden freigegeben, mehr als die Hälfte davon in der arktischen Barentssee. Ziel ist es, neue Bohrstandorte zu finden, um diese besonders begehrten Rohstoffe zu exportieren. Unternehmen können ihre Bewerbungen noch bis zum 1. September einreichen.
Öleinnahmen als Grundlage des Staatsfonds
Diese Expansionspolitik wird durch enorme finanzielle Mittel ermöglicht. Norwegen hat seine Einnahmen aus Öl und Gas in einen Staatsfonds angelegt, der Beteiligungen an mehr als 7.200 Unternehmen weltweit hält – darunter Apple, Samsung, Amazon und Hermès. Sein Vermögen liegt inzwischen bei über 2.000 Milliarden Euro und entspricht damit in etwa dem italienischen Bruttoinlandsprodukt.
Heftiger Widerstand gegen die Ausbaupläne
Die Kritik liess nicht lange auf sich warten. Die norwegische Umweltbehörde sprach sich gegen diese Entscheidung aus, blieb damit jedoch erfolglos. Lars Haltbrekken, umweltpolitischer Sprecher der Partei Sozialistische Linke, bezeichnete sie als „Wahnsinn“ und warf der Regierung vor, die eigenen Fachleute bewusst zu übergehen. „Das ist Greenwashing von Anfang bis Ende“, erklärte er und warnte vor Gefahren für Fisch- und Vogelbestände in empfindlichen Naturgebieten.
Norwegen wird in dieser Frage immer wieder Doppelmoral vorgeworfen. Einerseits fördert das Land den Umstieg auf Elektrofahrzeuge massiv und zählt dabei zu den weltweit fortschrittlichsten Märkten. Andererseits fördert es Kohlenwasserstoffe mit voller Kraft, um sie zu exportieren. Seine politischen Verantwortlichen vertreten diesen Widerspruch offen und verweisen dabei auf die europäische Energiesicherheit.
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