In Frankreich ist inzwischen jedes dritte neu verkaufte Auto elektrisch. Dennoch können zwei Drittel der Haushalte ihr Fahrzeug nicht zu Hause laden. Genau diese Lücke möchte Le Plein schliessen: Das Unternehmen verwandelt die Parkplätze von Händlern wie Auchan, Decathlon und Leroy Merlin in echte elektrische Tankstellen. Im Gespräch erklärt Julius Dewavrin, CEO des Start-ups, wie das Unternehmen die Ladegewohnheiten in Frankreich verändern will.
Seit dem vergangenen Jahr verpflichtet die Regulierung Eigentümer grosser gewerblicher Parkplätze dazu, Ladepunkte für Elektrofahrzeuge zu installieren. Mehrere Handelsketten wollten diese Vorgabe jedoch nicht als zusätzliche Belastung sehen, sondern als gemeinsame geschäftliche Chance nutzen.
So entstand im Dezember 2024 durch Auchan, Decathlon und Leroy Merlin Le Plein: eine kettenübergreifende Marke, die eine allen Autofahrern vertraute Handlung neu gestalten soll. Das Prinzip lässt sich laut Julius Dewavrin einfach zusammenfassen: Kunden sollen während ihres Einkaufs „Energie tanken“ können, während die Partnerhändler „Kunden tanken“ sollen. Dieses doppelte Versprechen bildet die Grundlage des Geschäftsmodells des jungen Unternehmens.
Drei Ladegeschwindigkeiten und Vorteile
Anders als Ultrafast-Ladenetzwerke, die ausschliesslich auf hohe Leistung setzen, bietet Le Plein drei Ladestufen zu unterschiedlichen Preisen: Eco (22 kW), Schnellladen und Ultra-Laden (über 150 kW). Julius Dewavrin erläutert: „Der Energieträger bleibt derselbe: Es ist Strom. Allerdings sind die Preise für ein Ladeangebot mit 22 kW niedriger als bei 150 kW.“
An jeder Station zeigen Säulen den Preis pro Kilowattstunde an, noch bevor das Fahrzeug angeschlossen wird. Damit sollen unangenehme Überraschungen verhindert werden – ähnlich wie an einer herkömmlichen Zapfsäule.
Vor allem hat das Unternehmen gemeinsam mit seinen Handelspartnern Treueprogramme entwickelt. „Bei Auchan schenken wir bis zu zwei Stunden Ladezeit, die auf der Waaoh!-Karte gutgeschrieben werden. Bei Decathlon gibt es 50 Punkte pro verbrauchter Kilowattstunde. Bei Leroy Merlin erhalten Kunden sofort einen Einkaufsgutschein über 5 Euro“, zählt Julius Dewavrin auf. Zudem ist Cultura dem Netzwerk beigetreten; Boulanger soll in Kürze folgen.
Der Ablauf für Nutzer soll möglichst unkompliziert sein. Sie laden lediglich die App für iOS oder Android herunter, hinterlegen einmalig ihre Treuenummer und schliessen anschliessend ihr Fahrzeug an. „Bei jedem Ladevorgang sammeln Sie Vorteile, die Ihrem Konto gutgeschrieben werden“, erklärt der Geschäftsführer. Für Nutzer, die nicht zum Smartphone greifen möchten, gibt es auch eine RFID-Karte von Le Plein, mit der sie direkt per Karte starten können.
Le Plein als Ergänzung zu Autobahn-Ladenetzwerken
Die Positionierung von Le Plein zielt gezielt auf einen bestimmten Bedarf. „Es gibt das Laden zu Hause. Für das Drittel der französischen Haushalte, das diese Möglichkeit hat, gibt es keine Frage: Der Preis ist reguliert und damit der attraktivste überhaupt. Die zweite Nutzung betrifft Autobahnstationen – für Menschen, die von Punkt A nach Punkt B fahren und dies möglichst schnell tun möchten. Wir positionieren uns bei der dritten Nutzung, die wir Laden am Zielort nennen“, führt er aus.
Nach seiner Einschätzung verändert diese dritte Nutzungsart das gesamte Erlebnis. „Unser Service läuft nebenbei, während Sie etwas anderes erledigen. Es ist kein Moment, in dem Sie Ihr Fahrzeug einfach stilllegen“, sagt Julius Dewavrin. Darin sieht er auch einen wirtschaftlichen Vorteil: Laden unterwegs ist wegen der kostspieligeren Infrastruktur strukturell teurer als das von Le Plein angebotene Laden am Zielort. Dieses werde somit „der erste und der letzte Schritt des Einkaufserlebnisses im Geschäft“, so der frühere Mitarbeiter von Withings, einem Spezialisten für vernetzte Gesundheit.
Für den Ausbau seiner Stationen arbeitet Le Plein mit dem technischen Partner Yusco zusammen. Dieser „übernimmt den technischen Teil mit den Installateuren und stellt die Wartung sicher“, erläutert Julius Dewavrin. Das Unternehmen gibt bereits 57 Stationen und rund 800 Ladepunkte in 36 Départements an und strebt bis Ende des Jahrzehnts 500 Stationen sowie 7.500 Ladepunkte an.
Kaufkraft als zentrales Thema
Für das Start-up ist dies ein wichtiges Thema. Kraftstoff ist für französische Haushalte weiterhin der drittgrösste Ausgabenposten, und elektrisches Fahren könnte die für das Fahrzeug eingeplanten Kosten laut Julius Dewavrin um das Zwei- bis Vierfache senken. Angesichts der aktuellen Wirtschaftslage sei das eine entscheidende Frage, die auch die Souveränität betreffe. „In Frankreich haben wir kein Erdöl, aber wir haben Strom“, erinnert er.
Nach wie vor bremsen jedoch bedeutende Hürden die stärkere Verbreitung von Elektrofahrzeugen, bedauert der Geschäftsführer. An erster Stelle stehe der Preis eines Elektroautos, das „beim Kauf 20 % teurer ist als ein vergleichbares Fahrzeug mit Verbrennungsmotor“. Dieser Unterschied verringere sich allerdings mit neuen, erschwinglicheren Modellen und Programmen wie dem Sozialleasing.
„Je einfacher ein Erlebnis ist, desto eher nehmen Menschen es an und desto stärker entwickelt sich der Markt“, beobachtet der Experte. Und tatsächlich würden 95 % der Fahrer, die auf Elektroantrieb umgestiegen sind, nicht wieder zurückwechseln, so sein Fazit. Lösungen wie die von Le Plein, die das Ladeerlebnis verbessern, sollen daher auch die letzten Skeptiker überzeugen.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen