Tief in der Norwegischen See liegt seit 1989 ein sowjetisches U-Boot und rostet vor sich hin. Seitdem an dem Wrack punktuelle Austritte von Cäsium-137 nachgewiesen wurden, steht die Unglücksstelle unter besonders genauer Beobachtung.
Der Brand von 1989 und das Sinken des K-278 Komsomolets
Der K-278 Komsomolets galt einst als Vorzeige-U-Boot der UdSSR. Im April 1989 brach an Bord ein Feuer aus, während das Boot in 335 Metern Tiefe unterwegs war. 42 Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben; 27 Überlebende konnten sich retten, indem sie es in letzter Minute an die Oberfläche schafften.
Das U-Boot selbst sank jedoch ab – zusammen mit seinem Kernreaktor und zwei Torpedos mit nuklearen Sprengköpfen. Es kam schliesslich in 1 680 Metern Tiefe zum Liegen, rund 180 Kilometer von der Bäreninsel entfernt, vor der norwegischen Küste.
Messungen der PNAS-Studie vom 23. März 2026
Eine am 23. März 2026 in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichte Studie berichtet von lokal begrenzten radioaktiven Emissionen an der Unglücksstelle. Das deutet darauf hin, dass das Wrack radiologisch nicht völlig „still“ ist.
Unter Leitung des Meeres-Radioökologen Justin Gwynn von der norwegischen Behörde für Strahlen- und nukleare Sicherheit bestätigte das Forschungsteam erhöhte Cäsium-137-Werte. Gleichzeitig betonen die Autorinnen und Autoren, dass die nachgewiesene Radioaktivität räumlich auf einen kleinen Bereich um das Schiff herum begrenzt bleibt.
K-278 Komsomolets: Eine alte Hülle, die das Meer nur langsam „verdaut“
ROV-Inspektion 2019 mit dem Ægir 6000
2019 schickte man ein ferngesteuertes Unterwasserfahrzeug (ROV) zur Unglücksstelle, um das Wrack gründlich zu untersuchen. Eingesetzt wurde der Ægir 6000, ein System der Universität Bergen (UiB), betrieben vom Norwegian Marine Robotics Laboratory (NORMAR). Wie der Name nahelegt, kann das Gerät bis in 6 000 Meter Tiefe tauchen – damit eignet es sich besonders für Einsätze in der Tiefsee.
Die Bordkameras dokumentierten mehrere Stellen, an denen radioaktives Material aus dem Rumpf des K-278 Komsomolets austrat – unter anderem aus einem Lüftungsrohr sowie aus dem Bereich rund um das Reaktorkompartiment (siehe Video unten). Proben direkt am Wrack zeigten Strontium- und Cäsium-Konzentrationen, die 400 000- bzw. 800 000-mal höher lagen als die Werte, die üblicherweise in der Norwegischen See gemessen werden.
Abonnieren Sie Presse-citron
In diesen Austrittsfahnen fanden sich ausserdem Uran- und Plutonium-Isotope. Aus dem Verhältnis beider Elemente leiteten die Forschenden ab, dass der Reaktorkern des U-Boots selbst korrodiert – ein Hinweis darauf, dass Meerwasser in den Reaktorbereich eingedrungen ist.
Warum sich die Belastung nicht weit ausbreitet
Entwarnung gibt es zumindest in einem Punkt: Schon wenige Meter vom Wrack entfernt sinkt die Kontamination deutlich ab. Da das Boot in der Tiefsee liegt, sorgen sehr kalte und zugleich bewegte Wassermassen dafür, dass freigesetzte Radionuklide verdünnt und verteilt werden, bevor sie sich in Sedimenten oder in der Nahrungskette anreichern können.
Auch die Lebewesen, die das Wrack besiedeln – Schwämme, Korallen, Anemonen und verschiedenste Muscheln – weisen zwar erwartungsgemäss leicht erhöhte Cäsiumwerte auf, weil sie unmittelbar an der Quelle leben. Sichtbare Folgen zeigten sich jedoch nicht: Die Forschenden fanden keine morphologischen Deformationen oder auffälligen Anomalien, die auf eine Strahlenbelastung hindeuten würden.
Dichtungsarbeiten wegen der Nukleartorpedos
Bereits 1994 stellte eine russisch-norwegische Expedition fest, dass der Rumpf der Komsomolets stark beschädigt war und Meerwasser in Kontakt mit den Nukleartorpedos stand. Daraufhin wurden Abdichtungsarbeiten durchgeführt, um das betroffene Abteil zu verschliessen und einen Austritt von waffentauglichem Plutonium zu verhindern.
Dieses Material ist ausdrücklich nicht mit dem Plutonium zu verwechseln, das aus der oben beschriebenen Reaktorkorrosion stammen kann: Letzteres entsteht als Nebenprodukt der Zersetzung zivilen Brennstoffs, tritt in niedrigen Konzentrationen auf und ist nur begrenzt nutzbar.
Waffentaugliches Plutonium hingegen ist hoch angereichert, gezielt für Kernwaffen ausgelegt – und ein Austritt in internationalen Gewässern könnte katastrophale Folgen haben: Theoretisch könnte jeder Akteur mit ausreichenden technischen Möglichkeiten versuchen, es zu bergen und zu missbrauchen.
Drei Jahrzehnte später halten die damaligen Reparaturen weiterhin: In Sedimenten und im umliegenden Wasser wurde kein waffentaugliches Plutonium nachgewiesen.
Ein Risiko unter Kontrolle?
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der K-278 Komsomolets als unmittelbare ökologische Gefahr einzustufen ist. Die Studienautorinnen und -autoren schreiben: „Il convient de poursuivre les recherches afin de comprendre les causes des émissions constatées, l’état de corrosion interne du réacteur et l’impact de ces facteurs sur d’éventuels nouveaux rejets ou sur la stabilité des substances nucléaires encore présentes“.
Die Gesundheitsbehörden gehen weiterhin davon aus, dass das Risiko für die breite Bevölkerung vernachlässigbar ist – und die derzeitigen Daten stützen diese Einschätzung. Aktuell gibt es keinen Anlass zur Panik. Dennoch bleibt das Wrack am Meeresboden der Korrosion ausgesetzt und verliert mit der Zeit an struktureller Integrität. „Il est donc important de poursuivre la surveillance de la situation et de l’état du sous-marin“, so die Forschenden.
Zugleich betonen sie, dass die Komsomolets eine seltene Chance bietet, langfristig zu verstehen, welche Folgen ein Kernreaktor auf dem Grund des Ozeans haben kann. Eine Gelegenheit, auf die die Menschheit gern verzichtet hätte – aus der sie aber, so die Autorinnen und Autoren, unbedingt alle möglichen Lehren ziehen sollte, so teuer sie auch sein mögen.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen