Der Krieg im Nahen Osten erreicht eine neue Eskalationsstufe: Der Gas- und Ölsektor gerät zunehmend ins Fadenkreuz, die Energiepreise schiessen nach oben, und in Asien rutschen die Börsen ab. Das Szenario einer weiteren Zuspitzung nimmt Gestalt an – mit möglichen Folgen bis hin zu den Preisen an der Zapfsäule.
In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag kam es zu neuen Raketenangriffen auf den Gaskomplex Ras Laffan im Katar. Dabei handelt es sich um nichts weniger als den wichtigsten Exportstandort für Flüssigerdgas (LNG) weltweit. Der staatliche Konzern Qatar Energy sprach von „erheblichen Schäden“ auf dem Gelände.
Raketenangriffe auf Ras Laffan im Katar und South Pars
Zeitgleich griff Israel das Gasfeld South Pars an, das im iranischen Teil des Persischen Golfs liegt – eine Offshore-Zone. Ein weiterer Teil dieses Gasfelds, das sich Iran und Katar teilen, wird von Doha betrieben. Damit werden zentrale Energieanlagen der Golfregion offen als militärische Ziele behandelt.
Öl über 113 Dollar, europäischer Gaspreis plus 35 %
Die Rohstoffmärkte reagierten umgehend. Der Brent-Preis, die globale Referenz für Rohöl, legte im asiatischen Handel um mehr als 5 % zu und erreichte 113,33 Dollar je Barrel – den höchsten Stand seit dem 9. März. In den USA stieg WTI (West Texas Intermediate) um 1,06 % auf 97,34 Dollar.
Noch heftiger fiel die Bewegung beim europäischen Gas aus. Der niederländische TTF-Terminkontrakt, der als Referenzwert für Europa gilt, sprang um 24,15 % auf 67,85 Euro je Megawattstunde. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag das Plus sogar bei 35 %! An den Märkten wächst die Sorge, dass die Strasse von Hormus blockiert oder lahmgelegt werden könnte – ein strategischer Engpass, durch den ein Fünftel des weltweiten Handels mit Rohöl und LNG läuft.
Die asiatischen Finanzmärkte gerieten entsprechend stark unter Druck. In Tokio verlor der Nikkei 4,38 % und fiel auf 33 372,55 Punkte, der Topix gab 2,91 % nach. In Südkorea sank der Kospi um 2,73 %, in Sydney lag das Minus bei 1,65 %. In Hongkong stand der Hang Seng zu Handelsbeginn 1,25 % tiefer.
Gold, der klassische sichere Hafen, markierte ein weiteres Rekordniveau bei 4 778 Dollar je Unze. Der US-Dollar zog an, während Anleger in US-Staatsanleihen und das Edelmetall ausweichen, um sich abzusichern. Der japanische Yen bewegte sich derweil stabil um 199,71 Yen je Dollar, nachdem die Bank of Japan die Zinsen unverändert liess.
Strasse von Hormus: Risiko für die globale Energiesicherheit
Über die Kursschwankungen hinaus rückt vor allem die weltweite Versorgungssicherheit in den Mittelpunkt. Dass sich die Angriffe auf Gasinfrastruktur in der Golfregion konzentrieren und gleichzeitig die Strasse von Hormus als Nadelöhr bedroht ist, erhöht das Risiko für die Öl- und Gasversorgung Europas und Asiens erheblich.
Im Tagesverlauf dürften auch die erwarteten Zinsentscheide der Europäischen Zentralbank und der Bank of England genau beobachtet werden. Solange jedoch im Golf militärisch eskaliert wird, gibt es aus Marktsicht kaum Gründe für eine rasche Beruhigung der Volatilität.
Was sich in Frankreich konkret an der Zapfsäule ändert
In Frankreich könnten Autofahrer die Folgen schnell zu spüren bekommen. Der Zusammenhang ist geradlinig: Steigt der Brent-Preis, ziehen die Grosshandelspreise für Kraftstoffe mit einigen Tagen Verzögerung nach – und schlagen sich anschliessend an den Preistafeln der Tankstellen nieder. Bei einem Barrelpreis stabil über 110 Dollar rechnen Branchenkreise nicht damit, dass Diesel pro Liter unter 2 Euro bleibt. Ein weiterer Anstieg ist nicht ausgeschlossen. Super bleifrei 95, das in den vergangenen Wochen bereits teurer geworden ist, könnte denselben Weg einschlagen.
Betroffen ist nicht nur der Verkehr. Erdgas, dessen europäische Notierungen gerade um 35 % gestiegen sind, spielt auch bei Heizung und Stromerzeugung eine zentrale Rolle. Hält die Spannung im Nahen Osten an, könnten die gesamten Energierechnungen französischer Haushalte wieder anziehen – ein Szenario, das an die schwierige Phase im Winter 2022 nach dem Überfall auf die Ukraine erinnert.
Auf Entspannung durch Donald Trump sollten die Märkte dabei nicht setzen. Der US-Präsident reagierte auf die Eskalation mit der direkten Drohung, iranische Gasfelder ins Visier zu nehmen. Auf seinem Netzwerk Truth Social erklärte er, falls der Iran seine Angriffe nicht beende, werde er angreifen „mit einer Kraft und einer Macht, die der Iran niemals gesehen und zuvor nicht gekannt hat“.
Diese Linie teilen seine Verbündeten nicht – auch weil die Kosten dieses Krieges enorm sind: Laut Schätzungen beläuft sich der militärische Aufwand auf etwa 900 Millionen Dollar pro Tag!
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