Zum Inhalt springen

Tianwan: Chinas Rekord-Offshore-Solarprojekt mit 19.45 km 220-kV-Leitung

Ein Mann mit Helm und Warnweste überprüft Solarpanels auf einem schwimmenden Solarfeld bei Sonnenuntergang.

Dort, wo sich das Meer zweimal täglich zurückzieht und der Boden zu Schlamm wird, haben Ingenieurinnen und Ingenieure eine instabile Küstenfläche in einen riesigen Offshore-Solarstandort verwandelt – und ihn über eine rekordverdächtige 19.45 Kilometer lange 220-kV-Hochspannungsleitung mit dem Netz verbunden.

Chinas neuer Offshore-Solarrekord am Rand der Gezeitenzone

Das Offshore-Photovoltaikprojekt Tianwan, geführt vom staatlichen Konzern China National Nuclear Corporation (CNNC), liegt in flachen Küstengewässern nahe Lianyungang im Osten Chinas. Es befindet sich in einem Gebiet mit Watt- und Gezeitenflächen, in dem Land und Meer fortlaufend Fläche „tauschen“. Für Landwirtschaft oder Wohnbebauung ist das kaum nutzbar – dafür gibt es viel Sonne, und die Nähe zu grossen Fabriken ist ein klarer Standortvorteil.

Mit einer installierten Leistung von 2 Millionen Kilowatt gilt Tianwan als das bislang grösste Offshore-Solarprojekt, das in China in Betrieb genommen wurde. Der Baustart erfolgte im Mai 2024; seither ging es zügig voran – begünstigt durch Chinas enorme Produktionskapazitäten in der Solarindustrie und durch einen eindeutigen politischen Rückenwind für erneuerbare Energien an der Küste.

Tianwan combines a utility-scale solar plant with a record 19.45 km, 220 kV transmission line, turning unstable tidal flats into a strategic clean-power hub.

Ziel des Vorhabens ist es, vernachlässigten Küstenabschnitten eine neue Funktion zu geben: breite, matschige Flächen, auf denen Städtebau unrealistisch ist, die aber energiehungrigen Küstenprovinzen sauberen Strom nur wenige Kilometer entfernt bereitstellen können.

Eine 19.45 km lange „Energie-Autobahn“, um Strom an Land zu bringen

Stromerzeugung auf See bringt wenig, wenn die Energie nicht dauerhaft und sicher dorthin transportiert werden kann, wo Haushalte und Industrie sie tatsächlich benötigen. Genau diese Verbindung ist bei Tianwan nun realisiert.

Eine Hochspannungsachse für das gesamte Solarfeld

Seit Februar 2025 entsteht die neue 220-kV-Leitung, die sich über 19.45 Kilometer vom Gezeiten-Solarstandort bis zum Netzanschlusspunkt an Land erstreckt. Getragen wird sie von 64 neu errichteten Stahlmasten – ein Aufbau, den Ingenieurinnen und Ingenieure von State Grid als „Energie-Autobahn“ bezeichnen.

Diese Bezeichnung ist nicht nur Bildsprache: Ohne eine Strecke mit hoher Übertragungskapazität würde das Projekt auf einer Art Nebenstrasse festhängen – es könnte seine volle Leistung nicht abgeben und müsste bei starker Sonneneinstrahlung Erzeugung abregeln oder verpuffen lassen.

The 220 kV line is designed to handle Tianwan’s full capacity, turning intermittent coastal sunshine into reliably delivered power for factories and cities.

Gleichzeitig stabilisiert die Leitung das Netz. Sie muss hohe Lastflüsse zuverlässig übertragen und dabei Salz, Wind, Feuchtigkeit und sich verändernde Bodenverhältnisse aushalten – unter strengen Anforderungen an die Betriebssicherheit, damit es nicht zu Ausfällen kommt, die nahe Industriezentren treffen könnten.

Schweres Fundament auf ständig in Bewegung befindlichem Boden

Die entscheidende Herausforderung liegt buchstäblich im Untergrund der Masten. Wattflächen sind weich, wassergesättigt und durch die Gezeiten permanent belastet. Klassische Betonfundamente können langfristig absacken oder Risse bekommen – besonders unter hohen Stahlmasten und stark gespannten Leiterseilen.

Als Lösung in dieser Grössenordnung setzten die Teams auf vollständig abgedichtete Schraubpfähle (helical piles). Diese Stahlpfähle werden wie riesige Korkenzieher in den Boden gedreht und verankern die Masten tief in stabileren Schichten unterhalb der weichen Oberfläche. Das beschleunigt die Montage und verringert den Bedarf an aufwendigen Aushubarbeiten in empfindlichen Küstenökosystemen.

  • Weiche Böden mit geringer Tragfähigkeit erhöhen das Risiko klassischer Fundamente.
  • Schraubpfähle verbessern die Standsicherheit bei permanenter Gezeitenbewegung.
  • Ein kleinerer Eingriff reduziert Störungen von Feuchtgebieten und Watt-Lebensräumen.
  • Kürzere Bauzeiten helfen in wetteranfälligen Küstenzonen.

Durch eine optimierte Trassenführung und eine verkleinerte Eingriffsfläche rund um jeden Mast soll ausserdem der Einfluss auf Wildtiere sowie auf Sedimentbewegungen in der ökologisch sensiblen Übergangszone zwischen Land und Meer begrenzt werden.

Kennzahlen, die für Kohle und CO₂ zählen

Im Vollbetrieb soll die Offshore-Solarbasis Tianwan jährlich rund 2.2 Milliarden Kilowattstunden Strom liefern. Auf das Jahr gemittelt entspricht das etwa 250 MW effektiver Einspeiseleistung.

Laut Projektangaben könnte diese Strommenge:

Annual solar output ~2.2 billion kWh
Coal saved ~680,000 tonnes per year
CO₂ emissions avoided ~1.77 million tonnes per year

Die vermiedenen Emissionen entsprechen grob dem jährlichen Ausstoss von mehreren hunderttausend Autos – abhängig von Fahrleistung und Kraftstoffmix. Für ein einzelnes Projekt auf schlammigem Küstenuntergrund ist die klimatische Wirkung damit erheblich.

By cutting coal use by hundreds of thousands of tonnes each year, Tianwan turns a once-useless shoreline into a quiet lever against emissions.

Tianwan ordnet sich damit in eine grössere Strategie Chinas ein: Küsten- und Offshore-Zonen sollen als riesige „Relais“ dienen – als Verbindung zwischen erneuerbaren Kraftwerken und industriellen Ballungsräumen, die weiterhin stark auf Kohle angewiesen sind.

Offshore-Solarenergie als neues Element in Chinas Energiepuzzle

Lange Zeit stand Offshore-Wind im Mittelpunkt der Debatte über erneuerbare Energien auf See. Offshore-Solar ergänzt das Bild – besonders in flachen, sonnenreichen Gebieten, in denen Windbedingungen ungünstiger sind oder der Netzanschluss einfacher realisiert werden kann.

Indem Solar in Gezeitenbereiche verlagert wird, lassen sich Konflikte um Flächennutzung an Land teilweise umgehen. Die Anlagen konkurrieren weder mit Ackerflächen noch mit Wohnraum; zudem können Kabelwege zu Industriehäfen kürzer und kostengünstiger sein als neue Leitungen aus weit entfernten Wüstenregionen.

Tianwan steht auch für eine veränderte Rolle Chinas. Das Land ist nicht mehr nur die Werkbank für Solarmodule, sondern betreibt Projekte, die erproben, wie Module, Wechselrichter, Fundamente und Netzanbindung in anspruchsvollen Umgebungen als Gesamtsystem zusammenarbeiten.

The 19.45 km line is the visible piece of a deeper strategy: large-scale integration of renewables straight into coastal industrial belts.

Für politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Europa oder den USA ist ein Projekt dieser Art eine praktische Fallstudie. Es verdeutlicht, wie schnell und wie weit ein Staat vorankommen kann, wenn er sowohl die Fertigungsbasis als auch die Netzinfrastruktur kontrolliert, die für die Anbindung grosser Offshore-Erneuerbaren an energieintensive Industrie nötig ist.

Chinas Griff nach der globalen Solar-Lieferkette

Der Offshore-Ansatz in Tianwan baut auf einer Realität auf, die die globale Energiewende mittlerweile entscheidend prägt: China dominiert nahezu jeden Schritt der Solar-Lieferkette.

Daten der Internationalen Energieagentur sowie von Branchenanalysten zeigen eine überwältigende Marktstellung Chinas in zentralen Segmenten:

Step Chinese share Comment
Polysilicon ≈95% Near-total control of high-purity material supply
Wafers >90–95% Hyper-scaled plants lower unit costs
Cells >90% Standardised, high-throughput production lines
Modules 80–85% Dominant exporter, including to Europe
PV manufacturing capacity >80% Over 500 GW per year built in China alone

Diese Führungsposition beruht zwar auf niedrigen Kosten, aber ebenso auf Logistik, staatlich gestützter Finanzierung und der Fähigkeit, Fabriken in einem Tempo hochzufahren, das nur wenige Wettbewerber erreichen. Praktisch bedeutet das: Die meisten weltweit installierten Solarmodule – selbst wenn sie anderswo montiert werden – lassen sich bei Komponenten und Vorprodukten auf chinesische Produktionsstätten zurückverfolgen.

Tianwan überträgt diese industrielle Stärke nun im eigenen Land auf einen Grossmassstab – von der Modulproduktion bis zur Netzintegration. Das Projekt wirkt damit wie ein Schaufenster für chinesische Technik und Ingenieurleistung, einschliesslich der 220-kV-„Energie-Autobahn“, die inzwischen in das nationale Netz einspeist.

Was Gezeitenflächen-Solar für künftige Energiesysteme bedeutet

Das Vorhaben in Tianwan wirft zudem Fragen auf, die über eine einzelne Küstenzone in der Provinz Jiangsu hinausreichen.

Umwelt- und Technikrisiken

Gezeitenökosysteme sind Lebensraum für Vögel, Kinderstuben vieler Fischarten und empfindliche Vegetation. Grossinfrastruktur kann Risiken mit sich bringen: veränderte Sedimentströme, Verschattung sowie Störungen während der Bauphase. In chinesischen Projektunterlagen werden eine reduzierte Flächeninanspruchnahme und Schraubpfähle als Minderungsmassnahmen hervorgehoben – doch erst langfristiges Monitoring wird zeigen, wie das Verhältnis zwischen Gewinn an sauberer Energie und ökologischem Preis tatsächlich ausfällt.

Hinzu kommen technische Unsicherheiten. Salzwasser begünstigt Korrosion, extremes Wetter setzt Anlagen zu, und schleichende Bodenbewegungen können Fundamente und Kabel belasten. Ob Wartungsaufwände beherrschbar bleiben, wird mitentscheiden, ob Solar auf Gezeitenflächen zur Standardoption wird oder ein Nischen-Schauprojekt bleibt.

Wie sich das ausserhalb Chinas übertragen liesse

Staaten mit vergleichbaren Küstengeografien – von Teilen Südostasiens über den Nahen Osten bis hin zu bestimmten Regionen Europas – verfolgen die Entwicklung aufmerksam. Ein plausibles Szenario: Wattflächen und flache Lagunen werden zu „Pufferzonen“ für saubere Energie, die Häfen, Raffinerien und Rechenzentren entlang der Küsten versorgen.

In Europa könnten Verantwortliche solche Küsten-Solarprojekte mit Offshore-Wind zu Hybridparks kombinieren, die Netzanschlüsse und Wartungsflotten gemeinsam nutzen. Das kann Kosten senken und die Stromabgabe über wechselnde Wetterlagen sowie tägliche Nachfrageschwankungen glätten.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher ist der Wandel weniger sichtbar, aber potenziell spürbar. Grosse Küstenprojekte wie Tianwan können Strompreise stabilisieren, weil sie die Abhängigkeit von volatilen Importen fossiler Energieträger reduzieren. Gleichzeitig wirft eine starke Konzentration auf chinesische Hardware geopolitische und lieferkettenbezogene Fragen auf – gerade für Regierungen, die neben Klimaschutz auch Versorgungssicherheit anstreben.

Zwei Begriffe, die im Umfeld von Projekten wie Tianwan häufig fallen, verdienen eine kurze Einordnung:

  • Offshore-Photovoltaik (PV): Solarmodule, die auf See oder auf Gezeitenflächen installiert werden – meist auf festen Konstruktionen oder schwimmenden Plattformen.
  • 220-kV-Übertragungsleitung: Hochspannungsleitung, mit der grosse Strommengen über Dutzende bis Hunderte Kilometer bei begrenzten Verlusten transportiert werden.

Mit schärferen Klimazielen in immer mehr Ländern dürfte sich die in Tianwan sichtbare Mischung aus Ingenieurwesen, Ökologie, Geopolitik und Infrastruktur weiter verbreiten. Der chinesische Rekord – 19.45 Kilometer Hochspannungsleitung für ein riesiges Offshore-Solarareal – gibt einen Vorgeschmack darauf, wie Küsten-Energiesysteme in den kommenden zehn Jahren aussehen könnten.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen