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Schweden startet Gespräche mit Frankreich und dem Vereinigten Königreich über nukleare Abschreckung

Menschen in Sitzung übergeben ein Dokument mit Europakarte, schwedische Flagge im Hintergrund, Konferenzraum.

Schweden, lange Zeit als Vorzeige-Beispiel für Neutralität betrachtet, sitzt inzwischen am selben nuklearen Tisch wie Frankreich und das Vereinigte Königreich. Das skandinavische Land hat erste Sondierungsgespräche über eine Zusammenarbeit bei der nuklearen Abschreckung begonnen – ein deutliches Signal dafür, wie sich der Blick Nordeuropas auf die letzte Sicherheitsgarantie verändert.

Von militärischer Neutralität zu Gesprächen über nukleare Abschreckung

Über Jahrzehnte hielt Schweden Abstand zu Militärbündnissen. Diese Phase endete mit der Entscheidung, nach Russlands groß angelegtem Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 der NATO beizutreten. Mit der Mitgliedschaft stellt sich eine unbequeme Frage: Wessen nuklearer Schutzschirm deckt Europa tatsächlich ab, falls sich die US-Politik nach innen wendet?

Am 25. Januar bestätigte Schwedens Ministerpräsident Ulf Kristersson im öffentlich-rechtlichen Sender SVT, dass Stockholm Gespräche mit Paris und London über nukleare Abschreckung aufgenommen hat.

Kristersson sagte, Schweden führe laufende Gespräche mit Frankreich und dem Vereinigten Königreich über nukleare Abschreckung und betonte, diese seien „noch nicht sehr präzise“.

Er machte zugleich deutlich, dass Frankreichs Kernwaffen strikt national bleiben – und dass Schweden es in Friedenszeiten nicht für erforderlich hält, Nuklearwaffen auf eigenem Gebiet zu stationieren. Dennoch ist bereits die Tatsache dieser Gespräche ein Bruch mit früheren Selbstbildern: Schweden arbeitete einst an einer eigenen Bombe und entschied sich später bewusst dagegen.

Macrons europäische Nuklearvision gewinnt an Fahrt

Dass Schweden sich nun bewegt, lässt sich bis zu einer Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zurückverfolgen. Im Februar 2020 sprach er an der École militaire in Paris und argumentierte, Frankreichs „lebenswichtige Interessen“ hätten inzwischen auch eine europäische Dimension. Zugleich lud er EU-Partner zu einem strategischen Dialog über die Rolle französischer Nuklearstreitkräfte für Europas Sicherheit ein.

Damals verlief die Debatte weitgehend im Sande. In vielen europäischen Hauptstädten galt die NATO – und der amerikanische nukleare Schutzschirm – als ausreichende Absicherung. Insbesondere Deutschland reagierte ablehnend, auch weil Frankreich seine force de frappe nicht unter europäische Führung stellen wollte. In Osteuropa war die Skepsis noch größer, vor allem nachdem Macron 2019 eine vorsichtige Annäherung an Russland ins Gespräch gebracht hatte.

Was 2020 wie eine französische Solo-Initiative wirkte, liest sich heute ganz anders – in einem Europa, das vom Krieg und von US-Unsicherheit erschüttert ist.

Mit Russlands Angriff auf die Ukraine und wiederholter nuklearer Rhetorik änderte sich die Stimmungslage. Die Ostflanke der NATO wirkte verwundbarer – insbesondere, weil innenpolitische Debatten in den USA Zweifel an einer künftigen amerikanischen Verlässlichkeit nährten. Macron griff das Thema erneut auf und brachte 2023 sogar die Möglichkeit ins Spiel, unter bestimmten Bedingungen französische Nuklearwaffen auf europäischem Boden zu stationieren – ein Gedanke, den Polen als diskussionswürdig signalisierte.

Paris und London bauen ihre nukleare Koordination aus

Frankreich und das Vereinigte Königreich, die zwei Nuklearmächte auf dem europäischen Kontinent, haben ihre Abschreckungsarchitekturen über Jahre hinweg schrittweise enger verzahnt. Der Chequers-Gipfel 1995 sowie die Verteidigungsverträge von Lancaster House 2010 schufen dafür die Grundlage einer weitreichenden Zusammenarbeit.

Im Juli 2024 bekam diese Kooperation eine ausdrücklich nukleare Zuspitzung. Beide Regierungen erklärten ihre Absicht, ihre Nuklearstreitkräfte im Fall einer „extremen Bedrohung“ zu koordinieren. Der britische Premierminister Keir Starmer formulierte es unmissverständlich: Jeder Gegner, der die lebenswichtigen Interessen eines der beiden Länder bedrohe, könne der gebündelten nuklearen Schlagkraft beider ausgesetzt sein.

Diese politische Linie beginnt sich inzwischen in der Praxis niederzuschlagen. Britische Vertreter nahmen jüngst an einer französischen strategischen Luftwaffenübung mit dem Namen „Poker“ teil, die von den französischen Strategischen Luftstreitkräften durchgeführt wird. Zuvor hatte zudem erstmals eine neu geschaffene franco-britische nukleare Steuerungsgruppe getagt.

  • Frankreich: see- und luftgestützte Nuklearstreitkräfte, vollständig unabhängige Kommandostruktur
  • Vereinigtes Königreich: Abschreckung ausschließlich durch U-Boote, eng mit den USA verknüpft, aber unter nationaler Kontrolle
  • Gemeinsames Ziel: einen großen Angriff auf Europa abschrecken und potenziellen Gegnern Entschlossenheit signalisieren

Für einen frisch aufgenommenen NATO-Staat wie Schweden bietet diese wachsende franco-britische Achse eine europäisch fokussierte Ergänzung zur US-Garantie – keine Ablösung, sondern eine zweite Abschreckungsebene.

Was Schweden will – und was nicht

Kristerssons Ton war bewusst zurückhaltend: Stockholm möchte mitreden, nicht selbst eine nukleare Streitmacht aufbauen.

Stockholm lehnt eine nukleare Stationierung in Friedenszeiten auf seinem Staatsgebiet weiterhin ab, strebt aber eine stärkere Einbindung in die nukleare Planungsarbeit der Verbündeten an.

Inhaltlich stehen die Gespräche mit Paris und London noch ganz am Anfang. Schwedische Stellen verorten sie im Rahmen der umfassenderen nuklearen Planungsstrukturen der NATO, in denen auch nichtnukleare Bündnispartner zur Strategie, zu Stationierungsfragen und zur Krisensignalisierung beitragen – selbst wenn sie nie eine Sprengköpfe berühren.

Hinter den vorsichtigen Formulierungen steckt eine harte strategische Lage: Schweden grenzt im Ostseeraum an ein selbstbewusster auftretendes Russland. Damit muss Stockholm Szenarien berücksichtigen, in denen Moskau die Entschlossenheit der NATO durch hybride Angriffe testet, Druck auf die baltischen Staaten ausübt oder Seewege bedroht. In solchen Lagen beeinflusst die Glaubwürdigkeit nuklearer Abschreckung die Kalküle im Kreml.

Ein Land, das beinahe die Bombe gebaut hätte

Dass Schweden so vorsichtig formuliert, hängt auch mit der eigenen nuklearen Vergangenheit zusammen. In der frühen Phase des Kalten Krieges – offiziell neutral und ohne US-Sicherheitsgarantie – prüfte Stockholm im Stillen den Aufbau eines nationalen Nukleararsenals. Das Verteidigungsforschungsinstitut (FOA) erhielt den Auftrag, Waffenkonzepte zu untersuchen; die zugrunde liegende Leitidee wurde als „Handlungsfreiheit“ beschrieben.

Das Vorhaben stieß jedoch auf mehrere Hürden: technische Probleme bei der Gewinnung von Plutonium, starker Druck aus den Vereinigten Staaten sowie wachsende innenpolitische Ablehnung. Åsten Undén, langjähriger Außenminister und eine führende Stimme auf dem linken Flügel der Sozialdemokratischen Partei, warnte, eine schwedische Bombe könne aus sowjetischer Sicht wie eine Bedrohung wirken und das Land am Ende weniger sicher machen – nicht sicherer.

Bis Ende der 1960er Jahre wurde das Programm eingestellt. Schweden unterzeichnete 1968 als Nichtkernwaffenstaat den Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV) und erarbeitete sich später den Ruf eines Kritikers von Nuklearwaffen und eines Verfechters der Rüstungskontrolle. Dieses Erbe prägt die öffentliche Debatte bis heute – auch wenn die Sicherheitslage Schweden näher an nukleare Planungsfragen heranrückt.

Wie nukleare Zusammenarbeit mit Schweden aussehen könnte

Niemand erwartet, dass Frankreich oder das Vereinigte Königreich Kontrolle über ihre nuklearen Entscheidungsmechanismen teilen. Ihre Abschreckung bleibt strikt national. Dennoch kann Schweden in mehreren Ebenen der Zusammenarbeit andocken.

Bereich Mögliche schwedische Rolle
Strategischer Dialog Regelmäßige hochrangige Gespräche über Nukleardoktrin und Krisenszenarien
Übungen Beteiligung an Simulationen und Entscheidungsübungen, ohne Umgang mit Waffen
Nachrichtendienste und Frühwarnung Austausch von Radar-, Signal- und Satellitendaten mit Bezug zu nuklearen Bedrohungen
Unterstützung durch das Gastgeberland Logistik, Zugang zum Luftraum oder Schutz für verbündete nuklearfähige Kräfte in einer Krise

In europäischen Hauptstädten wird hinter vorgehaltener Hand auch über Szenarien einer schweren Krise im Baltikum gesprochen. In einem solchen Fall könnten französische oder britische strategische Bomber oder U-Boote nordische Infrastruktur nutzen – abgesichert durch schwedische und finnische Luftverteidigung sowie Fähigkeiten zur U-Boot-Abwehr. Wenn solche Optionen bereits in Friedenszeiten besprochen und formalisiert werden, wird die Signalisierung klarer und die Planung im Ernstfall weniger chaotisch.

Zentrale Begriffe in der Debatte

Ein wesentlicher Teil der Diskussion hängt an Fachbegriffen, die häufig verwendet werden, ohne sie sauber zu erklären.

„Nuklearer Schutzschirm“ bezeichnet das Versprechen eines nuklear bewaffneten Staates, nichtnukleare Verbündete im Bedarfsfall mit dem gesamten Arsenal zu verteidigen. Innerhalb der NATO basiert dieser Schutzschirm vor allem auf den USA; Frankreich betont jedoch, dass seine Abschreckung ebenfalls zur Gesamtsicherheit der Verbündeten beitrage – insbesondere in Europa.

„Erweiterte Abschreckung“ bedeutet, einen Gegner davon zu überzeugen, dass ein Angriff auf einen Verbündeten eine Reaktion auslösen würde, als gälte der Angriff der Nuklearmacht selbst. Damit dies glaubwürdig ist, braucht es regelmäßige Übungen, politische Erklärungen und mitunter sichtbare Verlegungen.

„Lebenswichtige Interessen“ ist die Formulierung, mit der Nuklearstaaten die Schwelle umschreiben, ab der ein Kernwaffeneinsatz prinzipiell in Betracht gezogen wird. Indem Macron sagte, Frankreichs lebenswichtige Interessen hätten eine „europäische Dimension“, öffnete er das Argumentationsfeld dafür, dass auch ein verheerender Schlag gegen einen zentralen Verbündeten in diese Kategorie fallen könnte.

Risiken, Vorteile und wie es weitergehen könnte

Für Schweden hat es klare Vorteile, sich stärker in Gespräche über nukleare Abschreckung einzubringen. Der politische Preis für jeden Aggressor, der schwedisches Gebiet oder den weiteren Ostseeraum ins Visier nimmt, steigt. Zudem wird Stockholm fester in europäische Sicherheitsentscheidungen eingebunden und erhält Einfluss, wenn in einer Krise nukleare Signale gesetzt werden.

Dem stehen Risiken gegenüber. Je offener Schweden sich an nuklearen Haltungen orientiert, desto eher kann es in russischen Bedrohungsnarrativen auftauchen. Auch innenpolitisch könnte Widerstand wachsen: Viele sind stolz auf eine nichtnukleare Tradition – und könnten sensibel reagieren, falls Debatten über das Aufnehmen verbündeter nuklearfähiger Flugzeuge oder Schiffe an Intensität gewinnen, selbst ohne Sprengköpfe.

Die grundsätzliche europäische Frage ist damit weiterhin offen: Soll der Kontinent fast vollständig auf Washingtons nukleare Garantie setzen – oder eine stärkere europäische Säule um französische und britische Fähigkeiten herum aufbauen? Schwedens neue Gespräche mit Paris und London deuten darauf hin, dass einige nördliche Hauptstädte diese Frage künftig nicht mehr unbeantwortet lassen wollen – leise und schrittweise.

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