Zehn Monate lang hat das US-Segment der ISS seine Schleuse nicht mehr für einen Ausseneinsatz (EVA) geöffnet. Auch wenn die Internationale Raumstation in ihr letztes Betriebsjahrzehnt geht, braucht sie weiterhin regelmässige Updates – hier sind die Details zu dieser entscheidenden Mission.
Nach zehn Monaten wieder eine EVA an der ISS
Gestern haben zwei NASA-Astronauten die (relativ) geschützte Umgebung der Internationalen Raumstation verlassen und sich hinaus ins All begeben. Jessica Meir und Chris Williams stiegen um 13:52 Uhr (Pariser Zeit) durch die Quest-Schleuse aus und kümmerten sich exakt sieben Stunden und zwei Minuten um das riesige Orbitallabor. Für Meir war es Routine: In ihrer Laufbahn hat sie bereits vier EVAs absolviert. Für Williams hingegen war es der erste Einsatz im Raumanzug ausserhalb der ISS.
Ihr Weg führte sie zum Hauptträger der Station. Dort sollten sie Modifikations-Kits an den Trägerstrukturen der Solarpaneele montieren – denn bald sollen dort neue ausrollbare Photovoltaikmodule Platz finden. Diese Bauteile sind nötig, um die Alterung der bisherigen Solarzellen auszugleichen und den Betrieb der ISS bis 2030 abzusichern.
iROSA: eine unverzichtbare Aufrüstung für die Zukunft der ISS
Der Ausseneinsatz war vor allem als Vorbereitung angelegt: Meir und Williams setzten an der Backbordseite des zentralen Trägers eine strukturelle Halterung zusammen und befestigten sie. Diese Konstruktion dient später als Befestigungspunkt für ein iROSA-Panel (ISS Roll-Out Array).
Die Solargeneratoren der neuen Generation haben eine Besonderheit: Sie benötigen keinen Motor, um sich zu entfalten. Die in den aufgerollten Armen aus kohlefaserverstärktem Verbundmaterial gespeicherte Spannenergie reicht aus, um die Fläche auf 19 Meter Länge in nur sechs Minuten auszubreiten.
Nach der Montage werden die neuen Elemente die bisherigen Paneele teilweise überdecken – die alten haben bereits 15 Jahre Betrieb hinter sich. Sie sind entsprechend gealtert und haben die bei der Entwicklung angesetzte theoretische Lebensdauer überschritten.
Energieversorgung: Arbeiten am Stromkanal 2A
Im Anschluss an die Halterung verlegten die beiden Astronauten elektrische Leitungen und schlossen sie entlang des Versorgungskanals 2A an. Dieser Kanal gehört zu den zentralen „Arterien“ des Bordstromnetzes. Ohne ihn könnte das Paneel – sobald es bei einer kommenden EVA geliefert und ausgerollt ist – seine erzeugte Elektrizität nicht in das Stationssystem einspeisen.
Das später installierte Element wird das siebte von insgesamt acht iROSA-Paneelen sein, die seit dem Start des Modernisierungsprogramms im Jahr 2021 vorgesehen sind. Die Stromproduktion der Solaranlage hat sich über die Jahre verschlechtert und liegt inzwischen bei rund 160 kW – daher braucht es Unterstützung. Wenn alle iROSA-Paneele montiert sind, gewinnt die Station zwischen 20 und 30 % zusätzliche elektrische Kapazität.
Damit handelt es sich um eines der grössten Updates am elektrischen System in der Geschichte der ISS, zumindest seit dem Ende der Montagearbeiten im Jahr 2011. Zwar wurden bereits die Batterien erneuert (Wechsel von Nickel-Wasserstoff auf Lithium-Ionen zwischen 2017 und 2021), doch iROSA zählt zu den wenigen Änderungen, die direkt die Energieerzeugung betreffen.
SARJ-Inspektion und neue Schnittstelle für Canadarm2
Nachdem die Verkabelung abgeschlossen war, teilten Meir und Williams die verbleibenden Aufgaben auf. Williams begab sich zum Drehgelenk SARJ (Solar Alpha Rotary Joint), dem Schwenkmechanismus, der die Solarpaneele unabhängig von der Orbitlage zur Sonne ausrichtet. Seine Aufgabe: den Zustand der Zahnräder fotografieren und dokumentieren – ein kritisches Bauteil, dessen Verschleiss regelmässig von aussen kontrolliert werden muss.
Parallel dazu montierte Meir am Kanal 2A einen neuen elektrischen Anschluss. Diese Komponente ermöglicht es, die Stromversorgung des betroffenen Segments zum Robotarm Canadarm2 umzuleiten. So kann der Arm künftig eigenständig an Komponenten dieses Kanals arbeiten, ohne dass dafür Astronauten zu einer EVA hinausmüssen.
Dieser Ausseneinsatz war die 278. EVA in der Geschichte der ISS. Damit steigt die kumulierte Gesamtzeit auf 1 760 Stunden im freien Weltraum, also 73 Tage aneinandergereiht. Zum Zeitpunkt dieses Einsatzes gibt es noch keine Angaben, wann das achte und letzte Paneel endgültig installiert wird. Klar ist jedoch bereits: Das gesamte System wird die elektrische Leistung der Station auf 215 kW anheben. Die ISS geht damit stärker in den Ruhestand, als sie es je zuvor war – ein wichtiger Puffer, um bis zur kontrollierten Deorbitierung durchzuhalten. Für diese alte Dame, die seit 26 Jahren im Einsatz ist und bislang mehr als 270 Menschen beherbergt hat, beginnt die letzte Etappe.
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