In Teherans Basaren und Hinterzimmern drehen sich die Gespräche wieder um Sanktionen, Uran und das greifbare Risiko eines weiteren Kriegs im Nahen Osten.
Während sich amerikanische Kriegsschiffe im Persischen Golf sammeln und die Proteste im Inland weiter schwelen, sagt ein hochrangiger iranischer Regierungsvertreter, sein Land sei bereit, bei zentralen Nuklearfragen nachzugeben – jedoch nur, wenn Washington ernsthaft zeige, dass es Sanktionen aufheben will.
Iran signalisiert Spielraum – knüpft ihn aber an Sanktionslockerungen
Irans stellvertretender Aussenminister Majid Takht-Ravanchi sagte der BBC in Teheran, sein Land sei zu Zugeständnissen bereit, um mit den Vereinigten Staaten ein neues Nuklearabkommen zu erreichen.
Teheran erklärt, man werde über Grenzen für die eigenen nuklearen Aktivitäten sprechen, wenn Washington wirklich bereit sei, den wirtschaftlichen Druck zu lindern, der Irans Wirtschaft abwürgt.
US-Vertreter argumentieren seit Langem, Iran bremse den Fortschritt – und die zentralen Hürden lägen in Teheran, nicht in Washington.
Die Linie der Biden-Regierung entspricht früheren US-Positionen: Gesprächsbereitschaft bleibt, gleichzeitig gibt es scharfe Zweifel an Irans Absichten und seinem Verhalten – innenpolitisch wie aussenpolitisch.
Takht-Ravanchi wies das energisch zurück. Der „Ball liegt im Feld Amerikas“, sagte er, und forderte Washington auf zu belegen, dass es tatsächlich einen Deal anstrebt und nicht bloss zusätzlichen Druck.
Die Nuklearakte: Uran, rote Linien und Spielräume
Angebot, den Bestand an 60%-Uran zu verdünnen
Im Mittelpunkt der Gespräche steht Irans wachsender Vorrat an Uran, das auf 60% Reinheit angereichert ist – nahe am waffenfähigen Niveau.
Iran betont, sein Programm sei friedlich. Doch Menge und Anreicherungsgrad haben in westlichen Hauptstädten und in Israel Alarm ausgelöst.
Takht-Ravanchi verwies auf ein zentrales Signal: Teherans Angebot, einen Teil dieses auf 60% angereicherten Urans zu verdünnen – also weniger tauglich für eine Kernwaffe zu machen und zugleich leichter überwachbar.
Iran deutet an, dass es Teile seines besonders umstrittenen Programms zurückdrehen könnte – sofern Sanktionsentlastung Teil des Gesamtpakets ist.
Er bestätigte jedoch nicht, ob Iran – wie unter dem Nukleardeal von 2015 – wieder angereichertes Uran ins Ausland liefern würde. Es sei „zu früh“, vorherzusagen, was ein endgültiges Paket enthalten werde.
Russland und weitere technische Optionen auf dem Tisch
Russland, das im Rahmen der Vereinbarung von 2015 zuvor rund 11,000kg schwach angereichertes Uran aus Iran übernommen hatte, hat erneut angeboten, iranisches Material wieder aufzunehmen.
Weitere Vorschläge, über die in diplomatischen Kreisen gesprochen wird, sind unter anderem:
- die vorübergehende Aussetzung höherer Anreicherungsstufen
- Obergrenzen für den gesamten Uranbestand
- erweiterte internationale Inspektionen innerhalb Irans
- die Ausfuhr eines Teils von Irans angereichertem Uran in Drittstaaten
Nichts davon ist beschlossen. Doch die Kombination zeigt, dass die Unterhändler wieder stärker auf technische Lösungen setzen, die das Programm einst in Grenzen hielten – ohne Iran zu zwingen, die Anreicherung vollständig aufzugeben.
Null-Anreicherung bleibt ausgeschlossen, betont Teheran
Ein Kernanliegen Irans ist es, das zu bewahren, was es als sein souveränes Recht zur Urananreicherung nach dem Nichtverbreitungsvertrag (NPT) betrachtet.
Teheran hat US-Forderungen nach „Null-Anreicherung“ auf eigenem Boden seit jeher zurückgewiesen und sie als Verstoss gegen seine Vertragsrechte bezeichnet.
Takht-Ravanchi behauptete, Washington habe sich inzwischen stillschweigend bewegt und akzeptiere, dass ein gewisses Mass an Anreicherung in Iran unvermeidlich sei, wenn ein Abkommen zustande kommen solle.
Für Iran ist die Anerkennung begrenzter Anreicherung nicht nur eine technische Forderung; sie wird als Frage nationaler Würde und rechtlicher Ansprüche dargestellt.
Diese Darstellung widerspricht jüngsten öffentlichen Aussagen von Präsident Donald Trump, der Journalisten sagte: „wir wollen keine Anreicherung.“ Der Gegensatz unterstreicht die Lücke zwischen Verhandlungsräumen und politischer Kommunikation.
Raketen, Milizen und Menschenrechte: Themen, die Iran nicht anfassen will
Ballistische Raketen sind tabu
In einem Punkt war Takht-Ravanchi eindeutig: Über Irans ballistisches Raketenprogramm werde man mit US-Unterhändlern nicht sprechen.
Israel und mehrere Golfstaaten betrachten iranische Raketen wegen Reichweite und Präzision als unmittelbare Bedrohung.
Teheran beschreibt sie dagegen als defensiven Schutzschirm in einer Region, in der es sich sowohl israelischer als auch amerikanischer Feuerkraft gegenübersieht.
Iranische Vertreter argumentieren, als sie von Israel und den USA angegriffen wurden, seien Raketen „das gewesen, was uns gerettet hat“, daher stehe eine Demontage nicht zur Debatte.
Die Vereinigten Staaten und ihre regionalen Partner wollen, dass ein umfassenderer Deal auch Irans Raketenarsenal sowie seine Unterstützung bewaffneter Gruppen in Libanon, Syrien, Irak und Jemen abdeckt. Iran wertet diese Forderungen als Überdehnung.
Proteste und Washingtons Gerede von „Regime Change“
Auch Menschenrechte sind in die Gespräche gerückt. Die jüngste Protestwelle in Iran, die mit tödlicher Gewalt beantwortet wurde, hat die US-Kritik an Teherans „Behandlung der eigenen Bürger“ verschärft.
Takht-Ravanchi warf Präsident Trump vor, Gewalt anzustacheln, indem er Demonstranten ermutigt habe, Institutionen zu besetzen, und versprochen habe, „Hilfe ist unterwegs“.
Iranische Behörden erklären, sie unterschieden zwischen friedlichen Märschen und gewaltsamen Unruhen. Unabhängiges, von Nachrichtenorganisationen verifiziertes Videomaterial zeigt Sicherheitskräfte, die mit einer Reihe von Waffen in Menschenmengen schiessen.
Diese innenpolitische Repression steht in einem Spannungsverhältnis zu privaten Botschaften aus Washington, wonach die USA eine friedliche Lösung bevorzugten und keinen Vorstoss zum Regimewechsel.
Oman, Genf und das Geflecht regionaler Vermittler
Stille Pendeldiplomatie
Die Gespräche zwischen Iran und den USA bleiben indirekt. Oman, ein Golfstaat, der häufig als diskreter Vermittler auftritt, hat in diesem Jahr mehrere Runden ausgerichtet.
Eine zweite Runde ist in Genf angesetzt; Omans Aussenminister Sayyid Badr bin Hamad Al-Busaidi übermittelt dabei Botschaften zwischen beiden Seiten.
Auch Katar und andere Regierungen der Region sind eingebunden und drängen Washington wie Teheran, vom Rand eines offenen Konflikts zurückzutreten.
| Schlüsselakteure | Rolle in den aktuellen Gesprächen |
|---|---|
| Iran | Bietet nukleare Kompromisse gegen Sanktionsentlastung an, lehnt Raketen- oder regionale Zugeständnisse ab. |
| Vereinigte Staaten | Verlangt strengere Nukleargrenzen und weitergehende Beschränkungen, hält militärischen Druck aufrecht. |
| Oman | Wichtigster Vermittler, richtet indirekte Gespräche aus und überbringt Nachrichten. |
| Russland | Schlägt vor, iranisches Uran als Teil einer technischen Lösung zu übernehmen. |
| Israel | Lehnt das iranische Programm ab, wird von Teheran beschuldigt, Diplomatie zu sabotieren. |
Vertrauenslücke nach überraschendem israelischen Schlag
Über den Gesprächen liegt der Schatten des 12‑tägigen Kriegs im vergangenen Jahr. Ausgelöst wurde er durch einen israelischen Angriff auf iranische Ziele – nur wenige Tage vor einer geplanten sechsten Runde indirekter Gespräche in Oman.
Teheran wirft Israel vor, jeden Verhandlungspfad sprengen zu wollen, der Israels Handlungsfreiheit einschränken oder den US-Druck auf Iran verringern könnte.
Die Episode hat bei iranischen Unterhändlern Zweifel hinterlassen, ob der diplomatische Prozess regionalen Störmanövern standhalten kann.
Militärischer Aufmarsch und Angst vor einem regionalen Krieg
Während Diplomaten verhandeln, stellt sich die Region auf eine mögliche Konfrontation ein.
Die USA haben ihre Kräfte im Nahen Osten deutlich verstärkt; inzwischen sind mehr als 40,000 amerikanische Soldaten auf Stützpunkten stationiert, die Iran öffentlich als „legitime Ziele“ für den Fall eines Konflikts bezeichnet.
Iran warnt, sollte es eine „existenzielle Bedrohung“ wahrnehmen, werde die Antwort hart ausfallen – und die gesamte Region könnte ins Chaos gestürzt werden.
Teheran beteuert, keinen Krieg zu wollen. Zugleich beschreiben Beamte einen weiteren Konflikt als „traumatisch, schlecht für alle“. Sie verweisen darauf, dass frühere Vergeltungsschläge gegen US-nahe Stützpunkte in der Region so bemessen gewesen seien, dass amerikanische Opfer vermieden wurden.
Auf die Frage, ob eine künftige Eskalation ähnlich begrenzt bliebe, deutete Takht-Ravanchi an, die Dimension der US-Verlegungen bedeute, „es wäre ein anderes Spiel“.
Regierungen von den Golfstaaten bis in die Levante drängen im Hintergrund sowohl Washington als auch Teheran. Sie warnen, ein direkter US‑Iran‑Krieg würde die Ölpreise explodieren lassen, neue Flüchtlingsbewegungen auslösen und extremistische Gruppen stärken.
Warum Sanktionsentlastung für Iran so entscheidend ist
Für Teheran sind Sanktionen nicht nur ein diplomatisches Druckmittel, sondern eine tägliche wirtschaftliche Zwangslage.
US- und europäische Massnahmen haben Irans Ölexporte massiv reduziert, den Bankensektor eingeschränkt und ausländische Unternehmen vom Geschäft im Land abgeschreckt.
Die Folgen zeigen sich in hoher Inflation, Arbeitslosigkeit sowie Engpässen bei importierten Medikamenten und industriellen Ersatzteilen.
Praktisch muss ein ernsthafter Nukleardeal aus iranischer Sicht drei miteinander verknüpfte Fragen beantworten:
- wie viel Öl das Land legal verkaufen darf und unter welchen Bedingungen
- wie reibungslos Geld über Grenzen transferiert werden kann
- wie weit ausländische Investoren in Energie- und Industriesektoren zurückkehren können
Ohne Bewegung bei diesen Grundpfeilern wissen iranische Funktionäre, dass sie Zugeständnisse innenpolitisch kaum vermitteln können – zumal das Misstrauen gegenüber US-Zusagen nach dem Zusammenbruch der Vereinbarung von 2015 tief sitzt.
Wie ein Kompromiss konkret aussehen könnte
Sollten die Gespräche in Genf vorankommen, würden Diplomaten voraussichtlich ein Paket schnüren, das nukleare Begrenzungen und Transparenz gegen stufenweise Sanktionsentlastung tauscht.
Ein realistisches Szenario könnte Folgendes enthalten:
- Iran verdünnt oder exportiert einen Teil seines auf 60% angereicherten Urans
- Einfrieren der Anreicherung auf niedrigeren Stufen, überwacht durch Inspektoren
- Reaktivierung oder Ausbau internationaler Inspektionen an Nuklearstandorten
- die USA geben einen Teil iranischer Vermögenswerte frei oder lockern Restriktionen für Ölexporte
- ein eingebauter Mechanismus, mit dem Sanktionen bei Verstoss Irans automatisch wieder greifen
Ein solcher Deal bliebe hinter Irans Ideal einer vollständigen Sanktionsaufhebung zurück und ebenso hinter US-Wünschen, Raketen und regionale Aktivitäten einzudämmen. Dennoch könnte er das unmittelbare Kriegsrisiko senken und Zeit für breitere Gespräche später gewinnen.
Für den Moment sagt Iran, man werde in Genf „mit Hoffnung“ erscheinen – aber auch mit einer Warnung: Man wolle Belege für amerikanische Aufrichtigkeit, nicht nur zusätzlichen Druck. Die nächsten Runden werden zeigen, ob beide Seiten bereit sind, innenpolitisch Risiko zu nehmen, um den Nahen Osten zumindest etwas sicherer zu machen.
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