Mitten in der Energiekrise zieht ein Staat unerwartet davon – und lässt Deutschlands Gaswende alt aussehen.
In Berlin wird weiter über Heizgesetz, LNG-Terminals und Wasserstofftrassen gerungen. Paris kann derweil einen leisen, aber klaren Erfolg verbuchen: Frankreich erzeugt inzwischen so viel grünes Gas, dass es 2025 erstmals Europas Spitzenreiter ist – und ausgerechnet Deutschland bei erneuerbaren Gasen hinter sich lässt.
Frankreichs Aufstieg: 803 Anlagen und 13,6 TWh grünes Gas
2025 hat Frankreich seine Kapazitäten für erneuerbares Gas um etwa 13 Prozent ausgebaut. Maßgeblich ist dabei eine Kennzahl: 13,6 Terawattstunden Biomethan wurden ins Gasnetz eingespeist. Das reicht rechnerisch für die Jahresversorgung von rund einer Million Haushalten.
Landesweit sind mittlerweile 803 Einspeiseanlagen angeschlossen. Zusammen verfügen sie über 15,5 Terawattstunden installierte Kapazität – produziert wurden davon 13,6 Terawattstunden. So deckt Frankreich ungefähr 3,9 Prozent seines nationalen Gasverbrauchs mit Biomethan.
Frankreich ist 2025 europäische Nummer eins bei der Einspeisung von Biomethan und verweist Deutschland und Dänemark auf die Plätze.
Damit verändert sich Frankreichs Stellung in der europäischen Energiepolitik spürbar: Das Image des Nachzüglers weicht der Rolle als Taktgeber beim grünen Gas.
Wie Biomethan entsteht: Energie aus Mist, Müll und Klärschlamm
Der Grossteil des französischen grünen Gases entsteht durch die Vergärung organischer Reststoffe. Zum Einsatz kommen vor allem:
- landwirtschaftliche und Lebensmittel-Bioabfälle
- Klärschlämme aus kommunalen Kläranlagen
- organische Siedlungsabfälle aus Städten und Gemeinden
Diese Materialien werden in luftdicht geschlossenen Behältern vergoren, den sogenannten Fermentern oder Digestern. Dabei fällt zunächst Roh-Biogas an, das aus Methan, CO₂ und Verunreinigungen besteht. In Aufbereitungsanlagen wird das Gas gereinigt, der Methananteil erhöht und es wird zu Biomethan veredelt – erst dann kann es ins reguläre Gasnetz eingespeist werden.
Der Nutzen beschränkt sich nicht auf die Energiegewinnung. Reststoffe erhalten eine neue Verwendung, statt auf Deponien zu landen oder teuer verbrannt zu werden. Der verbleibende Gärrest, das sogenannte Digestat, wird als Dünger auf Feldern genutzt und kann einen Teil synthetischer Mineraldünger ersetzen.
So entsteht eine Kreislaufkette: Abfälle liefern Energie, und die Rückstände tragen wiederum zur Bodenverbesserung bei. Für zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe wird die Vergärung damit zur zusätzlichen Einnahmequelle – und zugleich zu einem Baustein, um strengere Umweltauflagen leichter zu erfüllen.
Industrie und Netzbetreiber: Warum Frankreich jetzt vorne liegt
Der Vorsprung Frankreichs ist das Ergebnis jahrelanger Aufbauarbeit. Es hat sich eine eigene Branche entwickelt, in der Netzbetreiber, Projektentwickler und Landwirte eng verzahnt agieren. Unternehmen wie GRDF und Teréga haben gezielt in den Anschluss neuer Anlagen sowie in flexible Netzstrukturen investiert.
Anstatt flächendeckend neue Leitungen zu errichten, wurden bestehende Gasnetze technisch ertüchtigt: Mess- und Regelstationen sind angepasst, Rückspeisepunkte ergänzt und Druckverhältnisse optimiert worden. Diese pragmatische Vorgehensweise spart Kosten und Zeit – und ermöglicht dennoch hohe Einspeisemengen.
Gleichzeitig hat der Staat verlässliche Rahmenbedingungen gesetzt, die Projekte kalkulierbar machen: Einspeisetarife, Förderprogramme und technische Leitfäden sorgen dafür, dass aus einzelnen Vorhaben eine skalierbare Industrie entsteht. Dadurch zählt Frankreich heute zu den Ländern, in denen sich Biomethan wirtschaftlich besonders schnell entwickelt.
Die Zielmarke 2030: 44 TWh oder mehr
Paris plant bereits den nächsten Schritt. Die offizielle Energieplanung sieht bis 2030 eine Biomethanproduktion von 44 Terawattstunden vor – also mehr als das Dreifache der aktuellen Menge. Dafür setzt die Regierung auf drei zentrale Hebel:
- deutlicher Ausbau der Zahl von Vergärungsanlagen
- technische Optimierung der Prozesse für höhere Ausbeuten
- finanzielle Anreize über sogenannte Biogas-Produktionszertifikate
Diese Zertifikate verpflichten Gaslieferanten, einen Mindestanteil Biomethan in ihre Portfolios aufzunehmen. Ab 2028 soll dieser Anteil bereits bei vier Prozent liegen. Versorger müssen sich dazu entweder an Projekten beteiligen oder entsprechende Mengen am Markt beschaffen.
Eine Schwachstelle bleibt die Planungssicherheit. Anlagen sind häufig 15 bis 20 Jahre in Betrieb, Genehmigungsverfahren dauern wiederum mehrere Jahre. Branchenvertreter drängen deshalb auf eine Verlängerung der Zertifikatsregelung über 2028 hinaus. Ohne einen klaren Pfad drohen Investitionspausen – und damit ein gebremstes Wachstum.
Europa setzt auf e-Methan und Power-to-Gas
Während Frankreich vor allem den klassischen Ausbau von Biomethananlagen vorantreibt, gewinnt europaweit die nächste Technologiewelle an Fahrt. Zwei Begriffe prägen die Diskussion: e-Methan und Power-to-Gas.
- e-Methan: synthetisches Methan, das aus erneuerbarem Wasserstoff und CO₂ hergestellt wird
- Power-to-Gas: Verfahren, bei dem überschüssiger Ökostrom in Gasformen wie Wasserstoff oder synthetisches Methan umgewandelt wird
Ein Beispiel aus Nordeuropa verdeutlicht die Richtung: In Finnland erhält das Projekt eNRG Kotka von Ren-Gas einen EU-Zuschuss in zweistelliger Millionenhöhe, um e-Methan im industriellen Massstab zu produzieren. Der entscheidende Punkt: Das Gas ist vollständig kompatibel mit bestehenden Gasnetzen und lässt sich genauso transportieren wie fossiles Erdgas.
Die EU verfolgt dabei eine klare Linie: Überschüsse aus Wind- und Solarstrom sollen nicht mehr abgeregelt, sondern chemisch gespeichert werden. Speicher und Netze für Gas werden so zu grossen Energiespeichern. Industrie und Schwerverkehr, die sich nur schwer elektrifizieren lassen, könnten auf diese Weise mit klimafreundlichem Gas versorgt werden.
Globaler Biomethan-Boom: Europa als Schwergewicht
Der Aufwärtstrend reicht über die EU hinaus. Weltweit wächst der Biomethanmarkt deutlich. Marktforscher rechnen 2025 mit rund 6,95 Milliarden Dollar und erwarten bis 2034 fast 10,74 Milliarden Dollar. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von knapp fünf Prozent.
| Indikator | Wert |
|---|---|
| Marktvolumen 2025 | ≈ 6,95 Mrd. US-Dollar |
| Prognose 2034 | ≈ 10,74 Mrd. US-Dollar |
| durchschnittliche Jahressteigerung | rund 4,97 % |
| Marktanteil Europa | etwa 61 % |
Global stammen gut 70 Prozent der Biomethanproduktion aus organischen Abfällen. Mehr als 80 Prozent der Anlagen setzen auf die klassische anaerobe Vergärung. Auf der Nachfrageseite dominieren Stromerzeugung und Wärmemärkte – und zunehmend auch der Verkehrssektor, etwa durch Lkw-Flotten, die mit komprimiertem oder verflüssigtem Biomethan betrieben werden.
Parallel entstehen in Nordamerika grosse Märkte für Renewable Natural Gas, also aufbereitetes Biogas, das fossiles Erdgas in Pipelines ersetzt. Europa liegt bei den Anteilen zwar vorn, doch der Wettbewerbsdruck nimmt zu.
Vorsprung mit Risiko: Wie stabil ist Frankreichs neuer Spitzenplatz?
Beim eingespeisten Biomethan liegt Frankreich vorne, aber der Abstand ist nicht automatisch dauerhaft. Deutschland steuert mit neuen Förderprogrammen gegen und will seine Biogasbranche stärker auf Einspeisung sowie flexible Stromproduktion ausrichten. Skandinavische Länder wiederum setzen beim Bau grosser Windparks nahezu standardmässig auf Power-to-Gas.
Auch ausserhalb Europas wächst der Druck. In den USA entstehen immer mehr RNG-Projekte – angetrieben durch Klimaziele einzelner Bundesstaaten und durch Unternehmen, die ihre Lieferketten dekarbonisieren möchten. Für Frankreich heisst das: Nur wer technologische Kompetenz, stabile Regeln und Exportfähigkeit zusammenbringt, kann langfristig an der Spitze bleiben.
Der eigentliche Wettlauf dreht sich nicht allein um Mengen, sondern um eine robuste, international konkurrenzfähige Wertschöpfungskette rund um grünes Gas.
Was Biomethan für Bürger und Kommunen konkret bedeutet
Für Verbraucher bleibt Biomethan zunächst unsichtbar, weil es durch dasselbe Gasnetz fliesst wie sein fossiles Pendant. Spürbar wird die Wirkung an anderer Stelle: Kommunale Entsorger können Abfälle verwerten, Landwirte erschliessen zusätzliche Erlöse, und die regionale Wertschöpfung wächst.
Einige Praxisfelder, die in den kommenden Jahren wichtiger werden dürften:
- Gasverträge mit ausgewiesenem Anteil an erneuerbarem Gas
- kommunale Busflotten, die mit Biomethan oder e-Methan fahren
- Wärmenetze, in denen Gaskessel zunehmend mit grünem Gas betrieben werden
- Industrieanlagen, die Erdgas schrittweise durch biomethanbasiertes Gas ersetzen
Es gibt jedoch auch Risiken: Fehlanreize können dazu führen, dass Energiepflanzen in grossem Stil angebaut werden und so in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion treten. Frankreich versucht, diesen Konflikt zu entschärfen, indem vorrangig Reststoffe und Abfälle eingesetzt werden. Langfristig sollen synthetische Gase aus erneuerbarem Strom einen immer grösseren Anteil übernehmen.
Für Deutschland ist der französische Aufstieg ein Weckruf. Hierzulande kreist die Diskussion um die Energiewende stark um Strom und Wasserstoff. Biomethan und e-Methan gelten häufig als Nische – obwohl sie bestehende Infrastruktur nutzen und kurzfristig grosse CO₂-Einsparungen ermöglichen. Wer in den kommenden Jahren Spielräume sucht, kommt an grünem Gas nicht vorbei.
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