Im äussersten Nordosten Frankreichs versucht ein früheres Revier aus Bergbau und Schwerindustrie, sich neu aufzustellen – mit einem strategischen Metall als Hebel.
Das kleine Schwabwiller in Nordelsass ist zum Schauplatz eines Vorhabens geworden, das saubere Energie, Batterietechnologie und den geopolitischen Wettlauf um Rohstoffe miteinander verbindet. Mit der ersten Bohrung in ein tiefes Reservoir will Frankreich heisses Wasser aus dem Untergrund nicht nur in Wärme für Städte verwandeln – sondern zugleich Lithium gewinnen, um die eigene Industrie zu versorgen.
Doppelte Wette: saubere Wärme und französisches Lithium
Seit dem 24. November 2025 treibt Lithium de France, ein Unternehmen aus dem Arverne-Konzern, in Frankreich den ersten grossen Geothermie-Brunnen voran, der ausdrücklich auch auf Lithiumgewinnung zielt. Die Baustelle liegt in Schwabwiller nahe Betschdorf – in einer Gegend, die lange von Industrie geprägt war und nun den Sprung in das Batteriezeitalter schaffen will.
Von Beginn an setzt das Projekt auf ein klares Doppelversprechen: erneuerbare Wärme für Gemeinden, Landwirtschaft und Betriebe bereitzustellen und gleichzeitig Lithium aus heissen Solen zu fördern, die in mehr als zwei Tausend Metern Tiefe zirkulieren.
„Ein einzelner Brunnen kann ganze Quartiere heizen und zugleich einen Schlüsselbestandteil für Batterien von Elektroautos liefern – und das alles aus demselben Grundwasser.“
Nach Darstellung des Unternehmens fusst der Ansatz auf drei zentralen Zielen:
- Verlässliche, lokale und CO₂-arme Wärme an Nah- und Fernwärmenetze sowie an landwirtschaftliche Gewächshäuser zu liefern.
- „Geothermales“ Lithium zu produzieren: gewonnen aus tiefen Solen in einem vergleichsweise kurzen Kreislauf – ohne grosse Tagebaue.
- Die Wirtschaft im Nordelsass zu beleben, mit einer Perspektive von etwa 200 direkten Arbeitsplätzen plus einer angebundenen Dienstleistungskette.
Ein Projekt, das Jahre bis zur Bohrung brauchte
Die aktuelle Bohrung ist nur der sichtbare Teil eines langen Vorlaufs. Zwischen 2022 und 2025 sammelte Lithium de France Genehmigungen, liess Studien erstellen und durchlief öffentliche Beteiligungsverfahren.
Von der Untergrundkartierung bis zur Umweltgenehmigung
Im Jahr 2022 erhielt das Unternehmen im Nordosten des Elsass zwei Arten von Erlaubnissen: eine für Tiefengeothermie und eine zweite, die sich speziell auf geothermales Lithium bezieht. Danach folgten 3D-Seismikkampagnen, Messungen des Temperaturgradienten und detaillierte Analysen der Gesteinsformationen, die den Oberrheingraben fortsetzen – eine geologische Störungszone, die sich durch Frankreich, Deutschland und die Schweiz zieht.
Die Auswertungen deuteten auf Heisswasser-Reservoire hin, die reich an gelösten Salzen sind und in denen Lithium in nennenswerten Mengen vorkommt. Das ebnete den Weg für eine öffentliche Anhörung Ende 2024, anschliessend für Diskussionen mit Anwohnerinnen und Anwohnern, Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern sowie lokalen Verbänden. Im Mai 2025 erteilte die französische Verwaltung die umweltrechtliche Zustimmung.
In den darauffolgenden Monaten stand die Baustellenvorbereitung im Mittelpunkt: Geländeausgleich, Zufahrten, Stromanschlüsse und das Giessen der Betonfundamente, die das grosse Bohrgerät tragen. Im November wurde schliesslich der mehrere Dutzend Meter hohe Metallturm aufgerichtet, um zwei Bohrungen abzuteufen, die zusammen das sogenannte „geothermische Dublett“ bilden.
Wie das System mit zwei Bohrungen funktioniert
Die in Schwabwiller gewählte Technik orientiert sich an einem Modell, das bereits bei anderen europäischen Geothermieanlagen eingesetzt wird – ergänzt um den zusätzlichen Anspruch, Lithium abzuscheiden.
Förderbrunnen und Injektionsbrunnen
Vorgesehen sind zwei Bohrungen, an der Oberfläche durch einige Dutzend Meter getrennt und bis in rund 2.400 Meter Tiefe geführt. Der eine Brunnen dient als Förderbohrung: Er bringt heisses Wasser an die Oberfläche, beladen mit Salzen und Metallen. Der zweite führt das Wasser nach der Nutzung der Wärme – und, sofern technisch und wirtschaftlich möglich, nach der Lithiumgewinnung – wieder in das Reservoir zurück.
Die derzeitige Bohrphase soll drei entscheidende Fragen klären:
- Mit welcher Temperatur kommt das Wasser an? Es muss heiss genug sein, um Wärmenetze zu speisen und eventuell kleine Stromerzeugungszyklen zu ermöglichen.
- Welche Fördermenge ist in Kubikmetern pro Stunde realistisch? Ohne konstanten Durchsatz trägt das Geschäftsmodell nicht.
- Wie hoch ist die tatsächliche Lithiumkonzentration in den Solen? Davon hängt die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Extraktion ab.
Fallen die Ergebnisse positiv aus, könnte Schwabwiller als Pilotstandort dienen, der sich an anderen Stellen des Oberrheingrabens – und sogar in früheren französischen Bergbaugebieten – nachbilden lässt.
Warum das Elsass bei Lithium in den Fokus rückt
Der Rheinraum gilt seit Jahrzehnten als geothermisch aussichtsreich. Dass Lithium dabei eine Rolle spielt, ist hingegen ein jüngerer Treiber – befeuert durch die weltweite Nachfrage nach Batterien für Elektroautos, stationäre Speicher und Elektronik.
Für das Elsass verweisen Studien darauf, dass tiefes Wasser in manchen Strukturen bis zu 200 Milligramm Lithium pro Liter enthalten könnte. Diese Werte müssen zwar noch in produktiven Bohrungen bestätigt werden, haben aber bereits das Interesse von Materialtechnologie-Unternehmen und der französischen Regierung geweckt, die Importabhängigkeiten verringern möchte.
„Das erklärte Ziel des Projekts ist, eine jährliche Kapazität von nahe 27 mil Tonnen Lithiumcarbonat-Äquivalent zu erreichen – ein Volumen, das etwa ein Drittel des erwarteten französischen Bedarfs decken würde.“
Ein solches Niveau würde – sofern erreicht – die Industriestrategie des Landes unmittelbar beeinflussen. Frankreich hat bereits Batteriefabriken für die Automobilbranche in das sogenannte „Batterietal“ im Norden des Landes geholt.
Klimavorteile und offene Fragen
Lithium de France gibt an, dass die geothermische Lösung im Vergleich zu Gas- oder Ölheizsystemen die CO₂-Emissionen beim Heizen um bis zu 90% senken könne. Beim Lithium wiederum spricht das Unternehmen gegenüber konventionellen Methoden – vor allem Verdunstungssalaren und Hartgesteinsbergbau – von einer Reduktion der Emissionen um nahe 70%.
Diese Angaben müssen sich noch an der Prüfung durch Behörden und unabhängige Forschung messen lassen, skizzieren aber das potenzielle Ausmass einer Umweltentlastung.
Technische Hürden und Akzeptanz vor Ort
Trotz Aufbruchsstimmung bleibt das Vorhaben mit Unsicherheiten behaftet. Der Brunnen in Schwabwiller ist faktisch ein Prototyp: Ob Temperatur und Förderrate ausreichen, um über Jahrzehnte stabil zu laufen, ist noch nicht gesichert. Ebenso steht der Nachweis aus, dass die Lithiumkonzentration eine wirtschaftlich konkurrenzfähige Gewinnung ermöglicht – im Vergleich zu etablierten Produzenten in Australien, Chile, Argentinien und China.
Ein weiterer sensibler Punkt ist das Verhältnis zur Bevölkerung. Umweltverbände und einzelne Nachbarinnen und Nachbarn äusserten Sorgen über das Risiko induzierter Seismizität, mögliche Mikrobeben, Betriebsgeräusche und potenzielle Auswirkungen auf flachere Grundwasserleiter. In den Debatten wirkt die Erinnerung an umstrittene Geothermieprojekte in anderen Teilen des Elsass nach – einschliesslich Fällen mit spürbarer Seismizität.
Die regionalen Behörden verlangen eine dauerhafte seismische Überwachung, Notfallpläne und Transparenz bei der Veröffentlichung von Daten. Wie das Unternehmen diese Anforderungen umsetzt, dürfte die Akzeptanz weiterer Projekte dieser Art massgeblich prägen.
Was geothermales Lithium von anderen Modellen unterscheidet
Auf dem Weltmarkt stammt Lithium überwiegend aus zwei Quellen: Hartgesteinsminen und salzhaltigen Solen, die in grossen Verdunstungsbecken konzentriert werden. Der französische Ansatz übernimmt Elemente beider Wege – folgt aber einer anderen Betriebslogik.
| Produktionsroute | Herkunft des Lithiums | Wichtigste Auswirkungen |
|---|---|---|
| Klassischer Bergbau | Hartgestein (Spodumen) | Grosse Eingriffe durch Abbau, Energieverbrauch und feste Rückstände |
| Verdunstungssolen | Künstliche Becken in ariden Regionen | Hoher Wasserbedarf und Veränderungen empfindlicher Ökosysteme |
| Geothermales Lithium | Heisse tiefe Solen | Geschlossener Wasserkreislauf und geringerer Flächenverbrauch |
Beim geothermischen Verfahren liegt das Wasser nicht in grossen offenen Becken. Es zirkuliert in geschlossenen Leitungen, durchläuft Wärmetauscher und chemische Extraktionseinheiten und wird anschliessend wieder in das Reservoir zurückgeführt – wodurch der direkte Kontakt mit der Umwelt begrenzt wird.
Risiken, Chancen und die nächsten Schritte
Bestätigen Tests Temperatur, Durchfluss und Lithiumgehalt als attraktiv, könnte das Elsass-Projekt den Weg für eine neue Kategorie „unsichtbarer Minen“ in Frankreich ebnen. Gleichzeitig bleiben Risiken bestehen:
- Geologisches Risiko: Das Reservoir kann sich anders verhalten als prognostiziert, etwa durch Druckabfall oder sinkenden Durchfluss nach einigen Jahren.
- Technologisches Risiko: Die Technologie zur direkten Lithiumextraktion aus Solen wird weiterhin bei Kosten und Effizienz optimiert.
- Regulatorisches Risiko: Änderungen bei Umwelt- oder Bergbauregeln können die Rentabilität verschieben.
- Soziales Risiko: Lokale oder regionale Proteste könnten Folgeprojekte verzögern oder verhindern, wenn die Bevölkerung keine greifbaren Vorteile erkennt.
Demgegenüber sieht Frankreich klare Potenziale, falls dieser Weg funktioniert: weniger Importabhängigkeit, geringere Anfälligkeit für internationale Preisschocks, qualifizierte Arbeitsplätze vor Ort sowie exportfähiges Know-how in Geothermie- und Extraktionschemie.
Einige Begriffe, die das Projekt verständlicher machen
Zwei Ausdrücke tauchen bei solchen Vorhaben immer wieder auf und sorgen häufig für Rückfragen:
- Geothermisches Dublett: ein Brunnenpaar, das zusammenarbeitet – einer fördert heisses Wasser, der andere reinjiziert abgekühltes Wasser, um das Gleichgewicht im Reservoir zu stützen.
- Lithiumcarbonat-Äquivalent (LCE): eine Industriestandardgrösse, die unterschiedliche Lithiumverbindungen auf einen gemeinsamen Referenzwert umrechnet und so Kapazitäten zwischen Projekten vergleichbar macht.
Ein plausibles Szenario – falls Schwabwiller gelingt – wäre die Entstehung mehrerer kleiner geothermischer Lithium-Hubs entlang des Oberrheingrabens. Denkbar wäre zudem, frühere Kohle- oder Kalibergbau-Infrastrukturen in anderen französischen Regionen umzunutzen und für die Zirkulation von Heisswasser anzupassen.
Für Verbraucherinnen und Verbraucher würde sich das meist indirekt zeigen: potenziell stabilere Heizkosten, elektrische Busnetze oder kommunale Flotten mit Batterien, deren Lithium im eigenen Land gewonnen wurde, und eine konkretere Debatte darüber, woher die Rohstoffe stammen, die die Energiewende tragen.
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