Der französische Betreiber führt eine dynamische Preisgestaltung mit einem Mindestpreis von 0,19 €/kWh ein. Das ist ein Rekord im öffentlichen Ultraschnellladen, erreicht jedoch nicht ganz das Preisniveau des Ladens zu Hause.
Seit dem 18. Mai gilt bei Electra im Netz der Ultraschnellladesäulen ein neues dynamisches Tarifmodell. Der Preis richtet sich nach Uhrzeit und Auslastung; während der Nebenzeiten liegt der angekündigte Mindestpreis an den meistgenutzten Standorten bei 0,19 €/kWh. Der Betreiber zieht dabei ausdrücklich den Vergleich zu EDF: Nach eigener Aussage handelt es sich um den günstigsten Tarif für öffentliches Laden auf dem Markt – günstiger als Laden zu Hause.
Diese Aussage stimmt technisch gesehen, allerdings nur in einem sehr speziellen Szenario. Der regulierte Tarif Bleu von EDF in der Basisoption liegt bei rund 0,195 €/kWh. Mit 0,19 €/kWh unterbietet Electra ihn tatsächlich um 0,005 €/kWh. In diesem Punkt wird das Versprechen erfüllt.
Allerdings nutzt fast niemand mit einer heimischen Ladestation den Basis-Tarif Bleu. Die überwiegende Mehrheit hat die Option Heures Creuses gewählt, bei der der Preis nachts auf etwa 0,158 €/kWh sinkt – also 17 % unter dem Mindesttarif von Electra. Noch günstiger fahren Kundinnen und Kunden mit dem EDF-Vertrag Tempo: In manchen Nächten fällt der Preis dort unter 0,13 €/kWh. Für sie bleibt die Aussage, öffentliches Laden sei „günstiger als zu Hause“, daher ein Widerspruch in sich.
Electra weist zudem darauf hin, dass die Kosten für das Smart-Abonnement von 4,99 €/Monat berücksichtigt werden müssen, denn nur damit ist der Zugang zum Mindesttarif möglich. Damit sich das Angebot gegenüber dem einfachen Tarif Bleu in der Basisoption lohnt, müssten monatlich etwa 1 000 kWh während der Nebenzeiten im Electra-Netz geladen werden – das entspricht ungefähr 6 000 Kilometern.
Was das Electra-Angebot nicht offenlegt
Das von Electra eingeführte Preismodell entspricht einer klassischen dynamischen Preisgestaltung: Der Tarif verändert sich abhängig von Uhrzeit und Nachfrage. Damit sollen Auslastungsspitzen geglättet und die Ladesäulen in nachfrageschwachen Zeiträumen besser ausgelastet werden. Das Prinzip ähnelt den günstigeren Preisen für Bahntickets außerhalb der Hauptverkehrszeiten.
Zwei Aspekte bleiben in der Kommunikation von Electra unklar. Erstens fehlt eine genaue Definition der „meistfrequentierten Stationen“, die für den Mindesttarif infrage kommen: Weder ihre Anzahl noch ihre Standorte nennt der Betreiber, ebenso wenig, ob sich die Liste je nach Wochentag oder Jahreszeit verändert. Zweitens sind die Nebenzeiten nicht eindeutig: Sie unterscheiden sich von Station zu Station und liegen meist nachts oder am späten Vormittag – Zeitfenster, die unterwegs nicht immer praktisch sind.
Transparente Preise beim Electra-Ultraschnellladen
Einen konkreten Vorteil bietet das Angebot jedoch bei der Transparenz: Der Preis wird vor dem Anschluss in der App angezeigt und bleibt für die gesamte Ladesitzung unverändert, selbst wenn der Ladevorgang in ein teureres Zeitfenster hineinreicht. Auch wenn Electra mit dem Laden zu Hause nicht wirklich konkurrieren kann, bleibt das Angebot die attraktivste Lösung für öffentliches Ultraschnellladen.
Für wen sich das Electra-Angebot wirklich lohnt – und für wen nicht
Das Angebot von Electra soll nicht alle Zielgruppen ansprechen; vermutlich ist genau das auch nicht beabsichtigt.
Ideal ist es für Stadtfahrerinnen und Stadtfahrer ohne Lademöglichkeit zu Hause – etwa Mieterinnen und Mieter in Wohnungen, Bewohnerinnen und Bewohner einer Eigentümergemeinschaft ohne Ladeinfrastruktur oder Eigentümerinnen und Eigentümer ohne Garage. Für diese Millionen Autofahrenden ist nicht der EDF-Tarif Heures Creuses der Maßstab, sondern der Tarif Bleu in der Basisoption oder die Preise anderer öffentlicher Betreiber. In diesem Segment ist Electra deutlich attraktiver. Mit 0,19 €/kWh ist der Tarif beim Ultraschnellladen günstiger als Tesla Supercharger und das Ionity-Netz. Auch gegenüber Anbietern wie IECharge, Lidl oder E.Leclerc hebt sich Electra ab: Diese bieten zwar lineare Preise ohne Abonnement, liegen jedoch meist zwischen 0,25 und 0,29 €/kWh.
Für Eigentümerinnen und Eigentümer mit Wallbox sowie einem Vertrag Heures Creuses oder Tempo ändert sich dagegen nichts. Für sie bleibt das nächtliche Laden zu Hause selbst im ungünstigsten Fall zwei- bis dreimal preiswerter. Das Electra-Angebot kann auf langen Fahrten als Ergänzung dienen, ist im Alltag aber kein wirtschaftliches Argument.
Dazwischen liegt der Fall von Fahrerinnen und Fahrern, die überwiegend in der Stadt laden, zu Hause aber nur eine gewöhnliche Steckdose haben – also langsam und ohne speziellen Tarif laden. Für sie hängt die Rechnung vom monatlichen Verbrauch und davon ab, wie nah eine Electra-Ladesäule liegt, die für den Mindesttarif berechtigt ist.
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