Wenn ein Spaziergang am Flussufer oder Strand heute verschmutzter wirkt als früher, bestätigt eine neue globale Auswertung diesen Eindruck.
Nach der Zusammenführung von Tausenden Datensätzen aus dem vergangenen Jahrzehnt kamen Forschende zu dem Ergebnis, dass 46% der aquatischen Lebensräume weltweit als „verschmutzt“ oder „extrem verschmutzt“ eingestuft werden.
Grundlage des Ergebnisses ist eine umfangreiche Analyse veröffentlichter Studien. Sie bündelte 6,049 Datensätze zur Verschmutzung durch feste Abfälle aus Flüssen, Ästuaren, Stränden und Mangroven auf allen Kontinenten.
Koordiniert wurde die Arbeit von Ítalo Braga de Castro; die Leitung hatte der Doktorand Victor Vasques Ribeiro vom Institut für Meereswissenschaften der Bundesuniversität São Paulo (UNIFESP).
Um Orte vergleichen zu können, die mit sehr unterschiedlichen Methoden untersucht worden waren, verwendete das Team einen einheitlichen Maßstab: den Clean-Coast Index (CCI).
Der CCI ist eine internationale Kennzahl, die die Sauberkeit anhand der Abfalldichte in Küstengebieten bewertet.
Mehr Überwachung bedeutet nicht mehr Sauberkeit
Ein besonders auffälliges Ergebnis betrifft nicht nur die Verteilung des Mülls, sondern auch die Verteilung der Forschung. Die Überwachung ist weltweit ungleich, wobei Brasilien im untersuchten Zeitraum von 2013–2023 die meisten Datensätze lieferte.
Eine intensive wissenschaftliche Untersuchung eines Gebiets bedeutet jedoch nicht, dass es sich dort in einem guten Zustand befindet.
„Die Ergebnisse zeigen, dass etwa 30% der brasilianischen Küstenlebensräume nach der CCI-Skala als verschmutzt oder extrem verschmutzt eingestuft wurden“, sagte Castro.
Die Studie weist zudem auf einen besonders besorgniserregenden Schwerpunkt hin: Die Mangroven von Santos in Brasilien werden als einige der am stärksten kontaminierten Orte der Erde beschrieben.
Derselbe Müll fast überall
Eine der beunruhigendsten Botschaften der Untersuchung ist, wie ähnlich der Abfall unabhängig vom jeweiligen Ort aussieht.
Die weltweite Zusammenfassung des Teams ergab eine „überraschende Homogenität“ in der Zusammensetzung des Mülls – trotz kultureller, wirtschaftlicher und geografischer Unterschiede. Vereinfacht gesagt: In den Wasserwegen des Planeten häufen sich immer wieder dieselben wenigen Gegenstände.
Kunststoffe und Zigarettenkippen machen zusammen fast 80% der weltweit erfassten Abfälle aus.
„Orte, die vollständig frei von Abfall sind, sind extrem selten“, warnte Castro.
Kunststoffe dominierten die Erhebung mit 68% der registrierten Gegenstände. Das liegt nicht allein am hohen Kunststoffverbrauch, sondern auch daran, dass das Material lange erhalten bleibt, in kleinere Bestandteile zerfällt und über große Distanzen transportiert wird.
Anders als Essensreste oder Papier kann Kunststoff über Jahre bestehen bleiben, sich in Mikro- und Nanokunststoffe aufspalten und mit Meeresströmungen über Ozeane gelangen.
Zigarettenkippen folgten mit 11%. Sie sind klein, werden leicht übersehen und oft nicht als „richtiger Müll“ wahrgenommen, enthalten jedoch problematische Chemikalien. Laut Studie können sie mehr als 150 giftige Stoffe freisetzen, die Wasserorganismen schaden können.
Schutzgebiete sind keine magischen Schutzschilde
Die Untersuchung ging auch einer praktischen Frage nach: Verringern Schutzgebiete tatsächlich die Menge an Abfall? Die kurze Antwort lautet ja, und das Team verfügte über genügend Daten, um diesen Effekt zu beziffern.
„Wir analysierten 445 Schutzgebiete in 52 Ländern. Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Schutz verringert die Kontamination um bis zu das Siebenfache. Etwa die Hälfte der untersuchten Schutzgebiete wurde als ‚sauber‘ oder ‚sehr sauber‘ eingestuft“, sagte Danilo Freitas Rangel, Masterstudent an der UNIFESP.
„Dennoch ist Schutz keine Garantie für Immunität gegenüber zunehmendem menschlichem Druck. Etwa 31% der Schutzgebiete wurden als ‚verschmutzt‘ oder ‚extrem verschmutzt‘ klassifiziert, was zeigt, dass sie nicht wirksam vor der Kontamination durch Müll im Meer geschützt sind.“
Schutzmaßnahmen helfen also erheblich, lösen das Problem aber nicht automatisch – insbesondere dann nicht, wenn die Durchsetzung schwach ist oder die umliegenden Gebiete stark belastet werden.
Wo sich Abfall ansammelt
Ein besonders interessanter Ansatz der Studie ist der von den Forschenden beschriebene „Randeffekt“. Sie fragten nicht nur, ob ein Ort geschützt war, sondern bestimmten auch die Entfernung jedes Probenahmepunkts zur Grenze eines Schutzgebiets und suchten anschließend nach Mustern.
Das Ergebnis erinnert an einen Park, der im Inneren sauber ist, während sich am Eingang Müll sammelt: Abfälle häufen sich häufig an den Rändern. Das ist relevant, weil Vorgänge direkt außerhalb der Grenzen ein Schutzgebiet beeinträchtigen können.
„Dieser Effekt wird durch externe Belastungen wie Tourismus, nahegelegene Urbanisierung sowie den Transport von Abfällen durch Flüsse und Meeresströmungen verstärkt“, erklärte Castro.
„Die Anfälligkeit der Ränder verdeutlicht den Bedarf an territorialen Pufferpolitiken, integriertem Management und Durchsetzung über die formalen Grenzen von Schutzgebieten hinaus.“
Anders gesagt: Eine Grenze auf einer Karte einzuzeichnen, reicht nicht aus. Auch die Randzone braucht Aufmerksamkeit.
Entwicklung und Wasserverschmutzung
Das Team verfolgte zudem ein ambitionierteres Ziel und verknüpfte Verschmutzungsmuster mit der sozioökonomischen Entwicklung.
Dafür nutzten die Forschenden den Global Gridded Relative Deprivation Index (GRDI), der Entwicklungsniveaus in hoher räumlicher Auflösung schätzt.
Der Zusammenhang erwies sich als nicht einfach. In ungeschützten Gebieten nahm die Kontamination in frühen Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung tendenziell zu und ging erst zurück, wenn ein Land eine bestimmte Schwelle bei Infrastruktur und Umweltpolitik erreichte.
Dies ist das von den Forschenden beschriebene „nichtlineare Muster“: Das Problem verschärft sich zunächst und beginnt sich dann – zumindest manchmal – zu verbessern.
In Schutzgebieten zeigte sich jedoch eine andere Entwicklung. Dort war ein höherer Entwicklungsstand mit stärkerer Kontamination verbunden.
Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass mehr Tourismus, Aktivitäten an der Küste und wirtschaftliches Wachstum im Umfeld die verfügbaren Mittel für Management und Durchsetzung von Schutzmaßnahmen überfordern könnten.
Lässt sich das Problem lösen?
Die Studie endet nicht bei der Aussage, Menschen sollten einfach keinen Müll mehr wegwerfen, denn das wäre der Größenordnung des Problems in keiner Weise angemessen.
Stattdessen verweist sie auf die Produktionskette und die Abfallsysteme, die dieses Ergebnis nahezu unvermeidlich machen: zu viele Einwegmaterialien, zu geringe Sammlung, zu wenig Wiederverwendung und zu viel grenzüberschreitender Abfalltransport.
Um den Trend umzukehren – insbesondere bei Kunststoffen –, sei laut Forschenden abgestimmtes Handeln von der Herstellung bis zur Entsorgung erforderlich. Dazu gehörten funktionierende Sammelsysteme und Vereinbarungen, welche die Ablagerung von Abfällen über Regionen hinweg begrenzen.
„Die Ergebnisse bieten eine beispiellose wissenschaftliche Grundlage zur Unterstützung öffentlicher Politiken und Verhandlungen, etwa des globalen Plastikabkommens und des Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework“, argumentierte Castro.
Die zentrale Zahl – 46% der aquatischen Lebensräume werden als verschmutzt oder extrem verschmutzt eingestuft – lässt sich nur schwer ignorieren. Die tiefere Erkenntnis könnte jedoch noch wichtiger sein: Die Abfallarten sind weltweit auffallend einheitlich, und kritische Bereiche wie die Ränder von Schutzgebieten sind vorhersehbar.
Orte mit besseren Ergebnissen verfügen meist über eine leistungsfähige Infrastruktur, wirksame Regierungsführung und eine dauerhaft konsequente Durchsetzung.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen