Die gesetzlichen Grenzwerte für Nitrat im Leitungswasser wurden vor Jahrzehnten festgelegt, um Neugeborene vor einer Bluterkrankung zu schützen, die mit einer bestimmten Verbindung zusammenhängt. Sie sollten nichts über ein 70 Jahre altes Gehirn aussagen.
Eine umfangreiche dänische Studie begleitete mehr als 54.000 Erwachsene über fast drei Jahrzehnte und berichtete über einen Befund, den frühere Forschung noch nicht gezeigt hatte.
Die Verbindung Nitrat stand selbst bei Konzentrationen deutlich unterhalb der aktuell zulässigen Werte mit einem erhöhten Demenzrisiko in Zusammenhang.
Die dänische Verbindung
Während dieses Zeitraums hielten die Forschenden fest, wer an Demenz erkrankte und wer kognitiv gesund blieb. Eine Untersuchung mit dieser Größe und Laufzeit lässt sich nur schwer beiseiteschieben.
Geleitet wurde die Arbeit von Professorin Catherine Bondonno von der Edith Cowan University in Australien, gemeinsam mit dänischen Forschenden.
Ihr Team nahm einen einzelnen Nährstoff in den Blick und stellte eine Frage, die die meisten Ernährungsstudien nicht behandeln.
Nitrat kommt gleichermaßen im Boden, in Lebensmitteln und im Wasser vor. Statt zu ermitteln, wie viel Nitrat die Menschen insgesamt aufnahmen, untersuchten die Forschenden dessen Herkunft. Das Ergebnis teilte sich klar in zwei Richtungen.
Wo sich Nitrat unterscheidet
Nitrat ist für sich genommen weder gut noch schlecht. Pflanzen nehmen es aus dem Boden auf, während es in gepökelten Fleischwaren als Konservierungsmittel enthalten ist. Durch landwirtschaftliche Abflüsse gelangt es ins Grundwasser.
Im Körper kann Nitrat anschließend zwei Wege einschlagen. Es kann zu Stickstoffmonoxid werden, einem Molekül, das Blutgefäße entspannt und den Blutfluss fördert.
Es kann sich jedoch auch in N-Nitrosamine umwandeln – Verbindungen, die mit Krebs in Verbindung gebracht werden und im Verdacht stehen, das Gehirn zu schädigen. Welchen Weg es nimmt, scheint davon abzuhängen, welche Stoffe es begleiten.
Eine Arbeit von Herzforschenden hatte dieses Gleichgewicht bereits beschrieben: Vitamine und Antioxidantien lenken Nitrat demnach auf den hilfreichen Weg.
Argumente für grünes Gemüse
An dieser Stelle wird deutlich, warum Gemüse einen so guten Ruf hat. Spinat, Salat, Rote Bete und verwandte Blattgemüse enthalten viel Nitrat.
Gleichzeitig liefern sie genau die Vitamine und Antioxidantien, die die Umwandlung in Stickstoffmonoxid fördern.
In den dänischen Daten erkrankten Menschen mit der höchsten Aufnahme von Nitrat aus Gemüse seltener an Demenz als jene mit der niedrigsten Aufnahme. Der Zusammenhang war gering, aber messbar.
Das Ergebnis passt zu dem, was bereits über die Wirkung dieses Blattgemüses in anderen Bereichen des Körpers bekannt ist. Dasselbe Nitrat könnte auch dazu beitragen, das alternde Gehirn zu schützen.
Das Problem mit Fleisch
Bei verarbeitetem Fleisch zeigt sich das gegenteilige Bild. Speck, Schinken, Wurst und andere verarbeitete Fleischprodukte enthalten zugesetztes Nitrat und Nitrit, jedoch keine der schützenden Verbindungen aus Gemüse.
Hinzu kommt, dass rotes Fleisch eine Eisenform enthält, die die Bildung jener schädlichen Verbindungen beschleunigen könnte. Um den genauen Mechanismus zu bestätigen, sind allerdings weiterhin Laborstudien erforderlich.
Dieser Zusammenhang war zuvor schlicht nie in diesem Umfang untersucht worden. Eine Studie begleitete mehr als 130.000 Menschen.
Sie zeigte, dass Personen mit dem höchsten Verzehr von verarbeitetem rotem Fleisch einem deutlich höheren Demenzrisiko ausgesetzt waren.
Warnsignal aus dem Wasserhahn
Hier betrat die Studie Neuland. Die Forschenden verknüpften das im alltäglichen Trinkwasser gelöste Nitrat mit einem höheren Demenzrisiko.
Auch dieser Zusammenhang war zuvor schlicht nie in dieser Größenordnung gemessen worden. Gerade weil Wasser so rein ist, stellt es einen besonderen Fall dar.
Es enthält Nitrat, jedoch nicht die Vitamine oder Antioxidantien, die Lebensmittel liefern. Fehlen diese, könnte der Körper Nitrat eher in schädliche statt in nützliche Verbindungen umwandeln.
Menschen, die Wasser mit höheren Nitratwerten tranken, entwickelten häufiger Demenz – selbst wenn die Konzentrationen unterhalb der offiziellen Sicherheitsgrenze lagen.
Unter dem gesetzlichen Grenzwert
In Dänemark und der übrigen Europäischen Union liegt der gesetzliche Höchstwert für Nitrat im Trinkwasser bei 50 Milligramm pro Liter.
Das dänische Team beobachtete bereits bei einer Belastung von nur fünf Milligramm pro Liter ein steigendes Demenzrisiko.
Das entspricht lediglich einem Zehntel des erlaubten Werts. Grenzwerte, die vor Jahrzehnten zum Schutz vor anderen Gesundheitsproblemen geschaffen wurden, spiegeln möglicherweise nicht wider, wie sich eine langsame Belastung mit niedrigen Dosen über ein ganzes Leben auf das Gehirn auswirkt.
Bondonno betonte sorgfältig, was die Zahlen aussagen und was nicht. Das zusätzliche Risiko für eine einzelne Person ist sehr gering, und Leitungswasser bleibt weiterhin eine deutlich gesündere Wahl als zuckerhaltige Getränke.
Die nächsten Veränderungen
Ernährungsforschende wussten bereits, dass Gemüse das Gehirn tendenziell schützt und verarbeitetes Fleisch ihm eher schadet. Ein Zusammenhang mit dem, was aus dem Wasserhahn kommt, war jedoch bis jetzt nicht aufgetaucht.
Das Team um Bondonno fordert, dass Behörden die vor langer Zeit festgelegten Nitratgrenzwerte erneut prüfen und untersuchen, wie sich jahrzehntelange Belastungen auf niedrigem Niveau auf das Gehirn auswirken – nicht nur auf den übrigen Körper.
Für alle anderen ändert sich an den praktischen Empfehlungen kaum etwas. Nitrat vor allem über Gemüse aufzunehmen, ist ein Ansatz, der bereits durch eine lange Reihe von Studien zur Herz-Kreislauf-Gesundheit gestützt wird.
„Mehr Gemüse und weniger rotes sowie verarbeitetes Fleisch zu essen, ist auf Grundlage unserer Ergebnisse und jahrzehntelanger weiterer Forschung zu Ernährung und Gesundheit ein sinnvoller Ansatz“, sagte Bondonno.
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