Entschlossen, seine Kohlenwasserstoffexporte zu sichern, bereitet sich Norwegen auf umfangreiche Bohrungen in der Barentssee vor – selbst wenn es damit die Europäische Union herausfordert. Der Umweltschutz scheint dabei offenkundig keine vorrangige Rolle zu spielen.
Seit Jahren betrachtet die Europäische Union (EU) Norwegen als Quelle sauberer Energie. Ausschlaggebend ist vor allem das weit verzweigte Netz an Wasserkraftdämmen: Das skandinavische Land gilt als „grüne Batterie“ des Alten Kontinents, die mithilfe riesiger Unterseekabel nach Deutschland oder ins Vereinigte Königreich Schwankungen bei den europäischen erneuerbaren Energien ausgleichen kann.
Diese Vorstellung gehört nun der Vergangenheit an. In einem Gespräch mit Reuters bezeichnete Norwegens Energieminister Terje Aasland sie als „falsch“. Denn die enge Einbindung in den europäischen Markt setze norwegische Haushalte und Unternehmen unmittelbar starken Preisanstiegen aus.
Oslo will deshalb keine weiteren Kosten übernehmen und keine neuen Verbindungsleitungen errichten. Während zahlreiche Mitgliedstaaten Atom- oder Kohlekraftwerke stillgelegt hätten, ohne die Folgen ausreichend einzuplanen, weigert sich Norwegen nun, weiterhin als Ausgleichsreserve zu dienen. Das Land fordert die EU daher auf, die Stabilität ihres eigenen Stromnetzes zu verbessern.
Norwegen will in der Barentssee um jeden Preis bohren
Damit endet der Bruch jedoch nicht: Auch bei den Kohlenwasserstoffen ist die Kehrtwende deutlich. Die EU hatte bislang für ein Moratorium plädiert, das jede neue Öl- und Gasförderung in der Arktis zum Schutz des empfindlichen Ökosystems untersagt. Norwegen lässt sich davon nicht abbringen: Die Bohrungen in der Barentssee sollen unabhängig von den Umständen fortgesetzt werden, um die Anforderungen der Energiesicherheit zu erfüllen.
Das Land ist mit knapp 30 % der Lieferungen an die EU und das Vereinigte Königreich der wichtigste Gasversorger Europas. Nachdem Norwegen kürzlich die Wiederinbetriebnahme von drei seit 1998 stillgelegten Gasfeldern genehmigt hatte, gab der Staat zudem 70 neue Explorationsblöcke frei, überwiegend in der Barentssee.
Sollte die EU diese Ressourcen nicht kaufen wollen, sollen sie auf andere Kontinente exportiert werden. Die Regierung argumentiert, die arktischen Gebiete des Landes seien eisfrei, weshalb das Risiko einer Ölpest mit dem in der Nordsee vergleichbar sei. Sie verweist außerdem auf die nationale Souveränität und den Erhalt von Arbeitsplätzen in diesen hochstrategischen Regionen an der Grenze zu Russland.
Umweltauswirkungen von Bohrungen in der Arktis
Offshore-Bohrungen verursachen Unterwasserlärm: Seismische Erkundungen mittels akustischer Detonationen beeinträchtigen die Orientierung, Kommunikation und Fortpflanzungszyklen von Meeressäugern erheblich und vertreiben Fischbestände. Hinzu kommt, dass fortlaufend eingeleitetes belastetes Produktionswasser Schwermetalle und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) in das Ökosystem bringt, die sich entlang der marinen Nahrungskette anreichern.
In den kalten Gewässern der Arktis wird Erdöl durch Mikroorganismen nur extrem langsam auf natürliche Weise abgebaut. Im Fall einer Ölpest sind daher gravierende Folgen zu befürchten. Heftige Stürme, die winterliche Dunkelheit und die große Entfernung zu Rettungsinfrastrukturen machen es mit den heutigen Technologien nahezu unmöglich, ein Leck einzudämmen.
Berichten des IPCC und Umweltorganisationen wie dem WWF zufolge beschleunigt eine Ausweitung der Kohlenwasserstoffförderung in diesen empfindlichen Ökosystemen zudem den Verlust der biologischen Vielfalt und widerspricht unmittelbar den Pfaden zur Begrenzung der globalen Erwärmung.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen