Jedes Mal, wenn eine Regierung Emissionssenkungen zusagt, trifft sie damit zugleich – ob ausdrücklich benannt oder nicht – Entscheidungen über Ernährung, Wasser, Energie, Städte, Arbeitsplätze und Gesundheit.
Eine neue Studie hat diese Versprechen mithilfe von KI daraufhin untersucht, ob sie tatsächlich mit den weiter gefassten Entwicklungszielen der Länder übereinstimmen.
Das Ergebnis: teilweise ja, häufig nein – und es gibt zahlreiche naheliegende Chancen, die bislang ungenutzt bleiben.
Geleitet wurde die Studie von der CMCC-Forscherin Francesca Larosa. Das Team wertete mit KI die national festgelegten Beiträge (NDCs) von 158 Staaten im Rahmen des Pariser Abkommens aus.
Anschließend glichen die Forschenden jeden einzelnen Beitrag mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen ab.
Der Zielkonflikt zwischen Klima und Entwicklung ist nicht real
Seit Jahren begleitet die Klimapolitik eine Sorge: Wirksamer Klimaschutz könne nur auf Kosten des Wirtschaftswachstums erreicht werden. Die Studie widerspricht dieser Annahme entschieden.
„Die Ergebnisse stellen eine langjährige Befürchtung von politischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit infrage, wonach ambitionierterer Klimaschutz die wirtschaftliche Entwicklung einschränken könnte“, sagte Larosa.
„Ganz im Gegenteil: Diese Forschung zeigt, dass die Verbindung von Klima- und Entwicklungszielen erhebliche Vorteile für Menschen und den Planeten schaffen kann.“
Anders ausgedrückt: Der vermeintliche Zielkonflikt könnte eher ein Mythos als Realität sein.
Das gilt besonders dann, wenn Klima- und Entwicklungsplanung gemeinsam erfolgen, statt als voneinander getrennte Vorhaben um dieselben begrenzten Ressourcen und politische Aufmerksamkeit zu konkurrieren.
Nachhaltige Entwicklung in den Klimaplänen
Mehr als die Hälfte der untersuchten Staaten – 55.1 Prozent beziehungsweise 87 Länder – erwähnt die Ziele für nachhaltige Entwicklung in ihren Klimaplänen kein einziges Mal namentlich.
Trotzdem greifen viele dieser Länder nachhaltige Entwicklung auf.
Statt den Begriff zu verwenden, integrieren sie das Thema in Abschnitte über Anpassung, Widerstandsfähigkeit, Landwirtschaft, Gesundheit und soziale Absicherung.
Unterschiedliche Länder, unterschiedliche Prioritäten
Die Daten machen einen Wohlstandsgraben deutlich sichtbar. Wohlhabendere Staaten richten ihren Fokus meist auf Minderung und Emissionsreduktionen. Länder des Globalen Südens setzen stärker auf soziale Anliegen wie Armut und Hunger.
Zugleich zeigt sich ein auf den ersten Blick überraschendes Muster: Gerade die Länder mit den größten Klimarisiken verknüpfen nachhaltige Entwicklung häufig besonders eng mit ihren Plänen.
Das verdeutlicht, wie dringend diese Staaten die Probleme bereits im Alltag erleben, und erinnert daran, dass ihre Stimmen deutlich stärker berücksichtigt werden sollten.
Klimapläne treffen auf die Realität
Klimazusagen sind keineswegs abstrakt. Sie beeinflussen konkrete Entscheidungen zu Ernährung, Wasser, Energie, Städten, Gesundheit, Arbeitsplätzen und Finanzen.
Ihre Umsetzung erfordert in der Regel kostspielige Infrastruktur, Stromnetze, Straßen und saubere Technologien.
Parallel dazu müssen Regierungen weiterhin von Dürre betroffene Wassersysteme, empfindliche Fischereien und ländliche Gemeinschaften schützen, die um ihre Existenz kämpfen.
Wird dies unbedacht angegangen, kann sich die Ungleichheit verschärfen. Verfolgt eine Regierung eine kohlenstoffarme Zukunft und ignoriert dabei Menschen, die gegenwärtig in Schwierigkeiten leben, droht sie ihre verletzlichsten Bürgerinnen und Bürger zurückzulassen.
Dieses Ergebnis ist jedoch nicht unausweichlich. Eine politische Maßnahme in der Karibik weist auf einen besseren Weg hin.
Sie kombiniert Investitionen in die Klimaanpassung von Regionen, die von Zyklonen und Überschwemmungen schwer getroffen werden, mit Versicherungen für einkommensschwache Beschäftigte, wenn Katastrophen eintreten.
Das belegt, dass Klimaschutz und soziale Sicherung gemeinsam vorankommen können, anstatt um dieselben begrenzten Finanzmittel und Aufmerksamkeit zu konkurrieren.
Intelligentere Finanzierung für Klimaziele
Die Studie hat zudem praktische Folgen für die Ausgestaltung der Klimafinanzierung. Viele Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen sind gleichzeitig stark vom Klimawandel bedroht und hoch verschuldet.
Diese Kombination lässt kaum Spielraum für Investitionen in Widerstandsfähigkeit oder Wirtschaftswachstum.
Indem die Untersuchung aufzeigt, wo sich Klimaziele und Entwicklungsprioritäten von selbst überschneiden, weist sie auf Finanzierungsinstrumente hin, die beide Herausforderungen gleichzeitig angehen könnten.
„So treten Waldschutz und Biodiversitätsschutz häufig gemeinsam mit Zielen der landwirtschaftlichen Entwicklung auf, insbesondere in Subsahara-Afrika“, sagte Larosa.
„Solche Verknüpfungen legen nahe, dass Instrumente wie Schulden-für-Natur-Tausche dazu beitragen könnten, ökologische, klimatische und finanzielle Herausforderungen gleichzeitig zu bewältigen.“
In den Hunderten untersuchten Zusagen fanden sich positive Überschneidungen zwischen Klimaschutz und anderen Entwicklungszielen deutlich häufiger als Konflikte zwischen ihnen.
Das sind tatsächlich gute Nachrichten für politische Entscheidungsträger. Es zeigt, dass erheblicher Spielraum besteht, Strategien mit Nutzen für mehrere Sektoren zu entwickeln, statt Klima und Entwicklung als Nullsummenkonflikt zu behandeln.
Klimaschutz trifft auf globale Politik
Die Forschung beschränkt sich nicht auf wirtschaftliche Fragen. Sie untersucht auch, wie geopolitische Entwicklungen mit Klimazusagen zusammenhängen.
Länder, die mit Konflikten, politischer Instabilität oder schwachen Institutionen ringen, lassen diese Brüche zunehmend auch in ihren Zusagen erkennen.
Das Muster unterstreicht, wie entscheidend Frieden, gute Regierungsführung und leistungsfähige Institutionen für wirksamen Klimaschutz in der Praxis sind.
Larosa erkennt darin selbst angesichts zunehmender globaler Spannungen eine Möglichkeit.
„In einer Zeit zunehmender geopolitischer Spannungen könnte die Klimapolitik eine Plattform für erneuerte internationale Zusammenarbeit bieten“, sagte sie.
„Gemeinsame Klimarisiken und gemeinsame Entwicklungsherausforderungen können Chancen für neue Bündnisse schaffen, die traditionelle politische Trennlinien überwinden.“
Damit könnte Klimapolitik, die oft als Auslöser von Spannungen zwischen Staaten dargestellt wird, stattdessen zu einer gemeinsamen Grundlage werden, auf der unerwartete Partner Gründe zur Zusammenarbeit finden.
KI untersucht Klimapolitik
Neben ihren Ergebnissen dient die Forschung auch als Fallbeispiel für den verantwortungsvollen Einsatz von KI in der öffentlichen Politikgestaltung.
„Unser Einsatz großer Sprachmodelle und eines umfassenden, von Menschen validierten Rahmens zeigt, wie skalierbar Ex-ante-Politikanalysen sein können und die Arbeit von IPCC und UNFCCC unterstützen“, sagte Larosa.
Die Auswertung Hunderter umfangreicher Politikdokumente nach einem einheitlichen Maßstab macht Muster sichtbar, deren manuelle Erkennung selbst für ein großes Forschungsteam sehr viel Zeit erfordern würde.
Der Rahmen lässt sich aktualisieren, sobald neue Zusagen vorliegen, und kann dadurch als hilfreiches Instrument zur Beobachtung dienen. Er kann zeigen, ob künftige Runden von Klimazusagen Entwicklungsbelange besser einbinden oder erneut dieselben Lücken aufweisen.
Da die Länder ihre Zusagen derzeit überarbeiten, könnte der Zeitpunkt kaum relevanter sein.
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