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Gänsekot und Schwarze Soldatenfliege: Aus Abfall werden Protein und Dünger

Jugendlicher im Laborkittel untersucht Erde auf einem städtischen Dachgarten mit Pflanzen und Gänsen.

Im Frühling sind Gänse kaum zu übersehen: Erst ziehen sie über den Himmel, danach fällt auf, was sie am Boden hinterlassen. In Parks, auf Sportplätzen und in offenen Grünflächen liegen schnell überall Hinterlassenschaften.

Das ist nicht nur unerquicklich und geruchsintensiv, sondern kann auch die Gesundheit lokaler Ökosysteme beeinträchtigen. Doch Gänsekot ist mehr als bloss ein Ärgernis. Was viele Menschen instinktiv umgehen, könnte sich als nützlich erweisen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betrachten diese Ausscheidungen inzwischen aus einer neuen Perspektive und stellen eine einfache Frage: Lässt sich daraus etwas Wertvolles gewinnen, statt es nur als Problem zu behandeln?

Unerwartete Hilfe aus der Insektenwelt: die Schwarze Soldatenfliege

Das Forschungsteam wählte dafür einen anderen Ansatz und orientierte sich an einem Insekt, das solche Aufgaben in der Natur bereits übernimmt.

Die Schwarze Soldatenfliege ist dafür bekannt, organische Abfälle zu verwerten. Ihre Larven fressen übrig gebliebenes Material und bauen es während des Wachstums ab. Dabei wandeln sie den Abfall in Protein und Nährstoffe um, die anschliessend wieder genutzt werden können.

Die Gruppe um Rassim Khelifa von der Concordia University wollte herausfinden, ob diese Insekten auch mit Gänsekot zurechtkommen.

„Wir wollten prüfen, ob die Schwarze Soldatenfliege, eine nicht heimische Art, die bereits in grossem Umfang industriell gezüchtet wird, genutzt werden kann, um Gänseabfälle in wertvolle Güter wie Protein und Dünger umzuwandeln“, sagte Khelifa. „Die Antwort lautet ja; das kann sie.“

Wie viel Abfall verträgt das System – und wie gut wachsen die Larven?

Zunächst ermittelten die Forschenden, wie viel Kot Gänse in städtischen Gebieten hinterlassen. Dafür untersuchten sie 11 Standorte im Süden von Québec und in Ontario.

Die Auswertung zeigte einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Gänse und der Menge an Ausscheidungen: Grössere Schwärme führten zu stärkerer Verunreinigung öffentlicher Flächen.

Anschliessend erhielten Larven der Schwarzen Soldatenfliege im Labor drei unterschiedliche Futtermischungen. Eine Variante war eine in der Forschung übliche Standardmischung. Eine zweite kombinierte diese Mischung mit Gänsekot. Die dritte bestand ausschliesslich aus Kot. Mit allen drei Futtertypen überlebten die Insekten – jedoch mit klaren Unterschieden.

Larven, die die Mischkost bekamen, wuchsen schneller, überlebten häufiger und reduzierten den Abfall effektiver. Tiere, die nur Gänsekot erhielten, frassen zwar weiterhin mehr als die Hälfte des angebotenen Materials, entwickelten sich aber langsamer und wurden schliesslich zu kleineren erwachsenen Insekten.

Damit zeigen die Ergebnisse: Auch reiner Gänsekot kann den Prozess grundsätzlich aufrechterhalten, selbst wenn er nicht die beste Grundlage ist.

Die unterschätzte Bedeutung von Mikroorganismen

Das Team prüfte ausserdem, ob eine Vorbehandlung der Ausscheidungen die Resultate verändert. Ein Teil der Proben wurde mit Hitze und Druck sterilisiert, um Bakterien zu entfernen – ein Verfahren, das als Autoklavieren bezeichnet wird.

Larven, die sterilisierten Kot bekamen, schnitten deutlich schlechter ab. Sie frassen weniger, legten langsamer an Gewicht zu und lebten als ausgewachsene Tiere nicht so lange.

Das deutet auf einen bemerkenswerten Effekt hin: Die natürlichen Mikroorganismen im Gänsekot könnten die Entwicklung der Insekten unterstützen. Es zeigt, dass Bakterien, die häufig als Risiko gelten, unter passenden Bedingungen auch eine hilfreiche Rolle spielen können.

Aus Reststoffen wird Pflanzennahrung

Nach der Fütterung bleibt nicht nur Biomasse in Form der Insekten zurück. Die Larven hinterlassen auch einen nährstoffreichen Rückstand (Larvenkot), der als Dünger eingesetzt werden kann.

Die Forschenden testeten diesen Dünger an Entengrütze, einer kleinen, schnell wachsenden Wasserpflanze, die in Tierfutter sowie in der Wasseraufbereitung genutzt wird.

Das Ergebnis fiel deutlich aus: Entengrütze, die mit diesem Dünger kultiviert wurde, erzielte 32 Prozent mehr Ertrag als Pflanzen, die mit einer Standard-Nährlösung versorgt wurden.

Ausserdem bildeten die Pflanzen kürzere Wurzeln aus – ein Hinweis darauf, dass Nährstoffe leicht verfügbar waren. Vereinfacht gesagt: Der Larvenkot erleichterte es den Pflanzen, kräftig zu wachsen, ohne „nach Nahrung suchen“ zu müssen.

Ein sauberer Kreislauf für städtische Flächen

Der Ansatz schafft einen Kreislauf, in dem Abfall zu einer Ressource wird: Gänsekot ernährt Insekten, und aus deren Rückständen entsteht Material, das das Pflanzenwachstum unterstützt. Jeder Schritt erzeugt Nutzen, statt neue Abfallprobleme zu verursachen.

Gleichzeitig ergeben sich handfeste Vorteile. Werden die Hinterlassenschaften aus Parks entfernt, verbessert das die Hygiene und senkt das Risiko von Umweltschäden – etwa durch Nährstoffüberlastung in Gewässern.

Parallel dazu liefert das Verfahren Protein, das in Tierfutter eingesetzt werden könnte, sowie Dünger, der das Pflanzenwachstum fördert.

Bevor sich das Konzept im grossen Massstab umsetzen lässt, sind weitere Arbeiten nötig. Dennoch ist die Grundidee einfach und praxisnah: Für Stadtverwaltungen, landwirtschaftliche Betriebe und sogar abgelegene Gemeinschaften könnte daraus eine kostengünstige Methode werden, um Abfall zu bewältigen, der sonst meist unbeachtet bleibt.

Neu bewerten, was wir wegwerfen

Gänsekot wird unter den Schuhen wohl kaum jemals willkommen sein – nutzlos muss er deshalb nicht sein.

Mit den passenden Werkzeugen und etwas kreativem Denken kann selbst Unangenehmes Teil eines funktionierenden Systems werden.

In der Natur laufen Prozesse in Kreisläufen ab. Diese Forschung zeigt, wie menschliche Systeme beginnen können, einem ähnlichen Muster zu folgen.

Statt Abfall als Endstation zu sehen, kann er zum Ausgangspunkt von etwas Neuem werden.

Die vollständige Studie wurde im Journal für Umweltmanagement veröffentlicht.

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