Zum Inhalt springen

Chernobyl Exclusion Zone (CEZ): Wie 40 Jahre nach 1986 grosse Tiere gedeihen

Ein Fuchs steht auf einer rissigen Straße vor einer verlassenen Geisterstadt mit Rehen und Riesenrad im Hintergrund.

Vom Reaktorunfall zur Sperrzone

Im April 1986 ereignete sich im Kernkraftwerk Chernobyl vor 40 Jahren eine Reaktorexplosion – eine der grössten von Menschen verursachten unbeabsichtigten Katastrophen der Geschichte.

Die anschliessende Kernschmelze und der Brand, die das Gebäude verwüsteten, verteilten gefährliche radioaktive Stoffe über weite Strecken. Die nahe gelegenen Städte Chornobyl und Prypjat wurden geräumt, und die sowjetischen Behörden legten eine Sperrzone mit einem Radius von 30 Kilometern (19 Meilen) um den Standort fest.

Heute umfasst die Chernobyl Exclusion Zone (CEZ) rund 2.600 Quadratkilometer (1.000 Quadratmeilen). Sie gilt als eine der radioaktivsten Regionen der Erde – ein Ort, den Menschen nur selten zu betreten wagen.

Die Chernobyl Exclusion Zone (CEZ) als Zufluchtsort für Wildtiere

Und doch zeigt sich dort etwas Bemerkenswertes.

Tiere können keine Warnschilder lesen – und weil menschliche Aktivitäten fast vollständig fehlen, nutzen andere Lebensformen die vergleichsweise ungestörte Ruhe.

In einer neuen Studie hat ein Forschungsteam eine erstaunlich hohe Zahl grosser Wildtiere dokumentiert, die dort erfolgreich vorkommen, darunter Przewalski-Pferde, Elche, Eurasische Luchse und Hirsche. Ausserdem wurden die Tiere am häufigsten in den grössten und am besten miteinander verbundenen Schutzgebieten erfasst.

Das unbeabsichtigte Ergebnis einer katastrophalen menschlichen Tragödie wirkt damit wie ein radioaktiver Garten Eden.

Ganz zufällig ist diese Zuflucht allerdings nicht. Forschenden ist seit Langem bekannt, dass die Sperrgebiete rund um das zerstörte Kraftwerk von Tieraktivität geprägt sind.

2016 richtete die Ukraine das Chornobyl Strahlungs- und Ökologische Biosphärenreservat als offizielles Schutzgebiet für die dort lebenden Tiere ein.

Studie mit Kamerafallen in Nordukraine (2020–2021)

Ein Wissenschaftsteam unter Leitung der Ökologin Svitlana Kudrenko von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in Deutschland arbeitet seit mehreren Jahren daran, die Tierwelt in und um diese Gebiete systematisch zu erfassen.

In den Jahren 2020 und 2021 setzten sie Kamerafallen ein, um die Bewegungen der Tiere im Chornobyl-Reservat zu verfolgen, in vier weiteren nahe gelegenen Naturschutzgebieten – den Naturschutzgebieten Drevlianskyi, Polissia, Rivne und Cheremskyi – sowie in zwei Naturparks und in umliegenden Regionen, die nicht offiziell unter Schutz stehen.

Insgesamt umfasste die Erhebung eine Fläche von 60.000 Quadratkilometern in der Nordukraine. Dabei zählten die Forschenden sorgfältig, welche Tiere auf den Aufnahmen der Kamerafallen erschienen.

Verbundene Schutzgebiete und ihre Wirkung

Viele der Parks und Reservate liegen als voneinander getrennte Inseln in der Landschaft. Eine Ausnahme bilden das Chornobyl- und das Drevlianskyi-Reservat, die miteinander verbunden sind – und genau das, so das Team, führte zu einem deutlichen Unterschied.

Über das gesamte Untersuchungsgebiet hinweg erfassten die Forschenden 13 Wildarten:

  • Rothirsch (Cervus elaphus)
  • Reh (Capreolus capreolus)
  • Elch (Alces alces)
  • Przewalski-Pferd (Equus ferus przewalskii)
  • Wildschwein (Sus scrofa)
  • Feldhase (Lepus europaeus)
  • Rotfuchs (Vulpes vulpes)
  • Marderhund (Nyctereutes procyonoides)
  • Europäischer Dachs (Meles meles)
  • Marder
  • Grauwolf (Canis lupus)
  • Eurasischer Luchs (Lynx lynx)
  • Braunbär (Ursus arctos)

Zusätzlich tauchten auf den Bildern auch Haushunde, Nutztiere sowie vereinzelt Menschen auf.

Der mit Abstand grösste Teil aller Sichtungen entfiel auf das Chornobyl-Reservat – 19.832 von insgesamt 31.200 Sichtungen.

Auch in den übrigen Schutzgebieten lagen die Zahlen vergleichsweise hoch, gemessen an den nicht geschützten Flächen. Besonders auffällig war jedoch der Unterschied zwischen den verbundenen CEZ-Drevlianskyi-Gebieten und dem Rest.

Wichtig ist dabei: 19.832 Bilder entsprechen nicht 19.832 einzelnen Tieren, weil dieselben Individuen mehrfach fotografiert werden können – vor allem, wenn Kameras in oder nahe bevorzugten Streifgebieten installiert sind.

Auf Basis der Kamerafallen-Daten konnten die Forschenden dennoch die Flächennutzung (Occupancy) modellieren. Daraus folgerten sie, dass Artenvielfalt, Flächennutzung und Nachweiswahrscheinlichkeit in den CEZ- und Drevlianskyi-Gebieten am höchsten sind.

Dafür kommen mehrere Ursachen infrage. Nach Einschätzung des Teams dürfte es jedoch bedeutsam sein, dass die stärkste Verbindung ausgerechnet zur grössten, am wenigsten zerschnittenen Fläche bestand – und zu jenem Gebiet, in dem das Eindringen von Menschen am konsequentesten unterbunden wird.

In dieser Grössenordnung schaffen die zusammenhängenden Reservate ein Mosaik an Lebensräumen, das langfristig auch grosse Tiere tragen kann – insbesondere Arten wie den Elch. Gerade Elche, so berichteten die Forschenden, reagierten besonders empfindlich auf menschliche Aktivität und wurden seltener, nachdem Forschende das Gebiet betreten hatten.

Was die Studie (nicht) untersucht hat

Die Auswirkungen der Strahlung auf diese Populationen wollten die Forschenden nicht prüfen. Stattdessen ging es ihnen darum zu verstehen, was geschieht, wenn Menschen nicht mehr präsent sind.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass weniger menschliche Aktivität der Tierwelt zugutekommt – und dass es sich lohnt, Schutzgebiete einzurichten und dauerhaft zu erhalten.

Seit der russischen Invasion in die Ukraine im Jahr 2022 ist der Zugang zur Region schwieriger geworden, weshalb weitere Untersuchungen vorerst warten müssen.

Vorerst bleibt das ungute Wissen, dass für manche grossen Tiere das Leben an einem der radioaktivsten Orte des Planeten offenbar attraktiver ist, als sich in unserer Nähe aufzuhalten.

Die Studie wurde in den Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences veröffentlicht.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel verwendet die Schreibweise „Chernobyl“, um den historischen Kontext der Katastrophe von 1986 zu spiegeln, als die Ukraine Teil der Sowjetunion war und russische Transliteration weit verbreitet war. Die ukrainische Schreibweise lautet „Chornobyl“.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen