Seit Ende Februar ist eine der zentralen Schlagadern des weltweiten Energiemarkts fast abgeschnürt: Durch den Krieg gegen Iran ist der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus nahezu zum Erliegen gekommen. Viele Tanker nehmen Umwege, Versicherungen reagieren zunehmend angespannt, und die Frachtraten ziehen an. Eine aktuelle Auswertung zeigt, welche europäischen Länder besonders hart getroffen werden – und weshalb Deutschland bislang vergleichsweise glimpflich davonkommt.
Engpass an der Nadelöhr-Meerenge
Die Straße von Hormus ist die maritime Verbindung zwischen dem Persischen Golf und dem Indischen Ozean. Durch diese lediglich etwa 50 Kilometer breite Passage läuft ein großer Anteil der globalen Öl- und Flüssiggasexporte. Wird die Durchfahrt unsicher oder blockiert, geraten internationale Lieferketten schnell ins Rutschen.
Genau diese Entwicklung ist derzeit zu beobachten: Auswertungen des Wiener Supply Chain Intelligence Institute, des Complexity Science Hub und der Universität Delft zufolge ist der Warenverkehr durch die Meerenge seit Beginn der Angriffe auf Iran deutlich eingebrochen. Besonders betroffen sind Transporte aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Studienautorinnen und -autoren warnen: Zieht sich die Blockade länger als vier Wochen hin, können sich Verzögerungen in den globalen Lieferketten regelrecht hochschaukeln.
Das hätte nicht nur steigende Energiepreise zur Folge, sondern könnte auch Lücken bei Industrieerzeugnissen, Chemikalien und Spezialgasen reißen. Die Datenauswertung macht zugleich deutlich: Innerhalb Europas sind die Risiken sehr ungleich verteilt.
Italien als verwundbare Energiedrehscheibe
Am stärksten trifft die Situation Italien. Laut Studie importiert das Land jährlich Waren im Wert von knapp 9,8 Milliarden US-Dollar aus Staaten, deren Lieferwege typischerweise über die Straße von Hormus führen. Den größten Anteil macht dabei Energie aus:
- Flüssiggas aus Katar im Wert von rund 4,4 Milliarden US-Dollar jährlich
- Propan im Umfang von etwa 3,2 Milliarden US-Dollar
Italien setzt seit Jahren stark auf Flüssiggas, um Kohle zurückzudrängen und sich unabhängiger von Pipelinegas aufzustellen. Viele dieser Mengen werden über Terminals an der Adria sowie an der Westküste abgewickelt – und hängen nun am Flaschenhals Hormus.
Bricht ein wichtiger Lieferkanal kurzfristig weg, muss Italien rasch alternative Quellen erschließen. Das verteuert die Beschaffung und kann sowohl private Haushalte als auch energieintensive Branchen treffen, etwa Chemie, Stahl oder Glas.
Belgien und das Vereinigte Königreich im Risiko
Belgien: Gas und Diamanten im Gegenwind
Auch Belgien zählt zu den besonders exponierten Ländern. Über den Hafen Zeebrugge kommen jährlich katarische Flüssiggaslieferungen im Wert von rund 5,8 Milliarden US-Dollar ins Land. Hinzu kommt ein weiterer sensibler Faktor: Antwerpen ist ein weltweiter Knotenpunkt im Diamantenhandel – darunter auch Diamanten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Wenn Schiffe sich verspäten oder Ausweichrouten fahren müssen, gerät Belgiens Funktion als Umschlagplatz unter Druck. Energieversorger müssen mit knapperen Kapazitäten planen, Unternehmen mit steigenden Kosten kalkulieren. Das erinnert an die Verwerfungen der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine – diesmal jedoch mit einem anderen geographischen Auslöser.
Vereinigtes Königreich: Höchste Betroffenheit in Europa
Den höchsten Abhängigkeitswert in Europa weist der Auswertung zufolge das Vereinigte Königreich auf. Pro Jahr bezieht das Land Waren im Umfang von rund 12,9 Milliarden US-Dollar aus den Golfstaaten, deren Lieferketten direkt oder indirekt an die Meerenge gekoppelt sind. Davon entfallen etwa 5,9 Milliarden US-Dollar auf Gasprodukte aus Katar.
Nach dem EU-Austritt hat Großbritannien seine Energiepolitik stärker eigenständig ausgerichtet und Flüssiggas als flexible Quelle deutlich ausgebaut. Die Blockade macht nun eine Schwachstelle sichtbar: Wer sich stark auf einzelne Routen oder wenige Lieferländer verlässt, zahlt in Krisenphasen einen besonders hohen Preis.
Warum Deutschland bisher besser dasteht
Für Deutschland ergibt sich ein anderes Bild. Zwar bezieht auch die Bundesrepublik Waren aus den Golfstaaten, doch die Importstruktur ist weniger einseitig. Laut Studie liegt der Wert der potenziell betroffenen Importe bei rund 5,7 Milliarden US-Dollar pro Jahr – deutlich unter dem Niveau von Italien oder dem Vereinigten Königreich.
Deutschlands wichtigster Partner am Golf ist nicht Katar, sondern die Vereinigten Arabischen Emirate mit rund 4,2 Milliarden US-Dollar. Im Vordergrund stehen dabei vor allem:
- Schiffe und Yachten
- Industrieausrüstung und Maschinen
- weitere Investitionsgüter für Unternehmen
Katar kommt mit etwa 0,6 Milliarden US-Dollar vor, insbesondere über Propan und Spezialgase, jedoch längst nicht in der Größenordnung wie in Südeuropa oder Großbritannien. Diese breitere Mischung verschafft Deutschland mehr Puffer.
Deutschlands Stärke in dieser Krise ist weniger Glück als das Ergebnis breiter Diversifizierung seiner Handels- und Energiebeziehungen.
Frankreich ist in einer ähnlichen Position. Dort belaufen sich die Importe aus den betroffenen Golfstaaten auf rund 8,1 Milliarden US-Dollar, verteilt auf mehrere Sektoren und unterschiedliche Anbieter. Beide Volkswirtschaften haben nach den Erfahrungen mit russischem Pipelinegas begonnen, ihre Energieversorgung auf mehrere Standbeine zu stellen – von Norwegen über die USA bis nach Nordafrika.
Diplomatische Offensive für freie Fahrt
Während Unternehmen und Märkte die Folgen durchrechnen, versuchen Regierungen, die Lage diplomatisch zu entschärfen. Deutschland, mehrere EU-Staaten und Japan drängen Iran, die faktische Sperrung der Straße von Hormus zu beenden. In einer gemeinsamen Erklärung verurteilten die Staats- und Regierungschefs unter anderem Drohnen- und Raketenangriffe, das Auslegen von Minen sowie weitere Versuche, die Schifffahrt einzuschüchtern.
Zugleich betonen sie ihre Bereitschaft, selbst zum Schutz des Handels auf See beizutragen. In der Erklärung heißt es, man sei bereit, Maßnahmen zu unterstützen, die eine sichere Passage durch die Meerenge gewährleisten. Das kann Marineeinsätze ebenso umfassen wie intensivere Aufklärung und eine engere Abstimmung mit Reedereien.
Forderung nach Waffenruhe gegen Energieinfrastruktur
Auffällig ist: Die USA und Israel, deren Angriffe auf Iran den jüngsten Konflikt im Persischen Golf ausgelöst hatten, werden in der Erklärung nicht ausdrücklich erwähnt. Stattdessen fordern die Unterzeichner ein umfassendes Moratorium für Angriffe auf zivile Infrastruktur – ausdrücklich eingeschlossen sind Öl- und Gasanlagen.
Parallel begrüßen sie, dass die Internationale Energieagentur strategische Ölreserven koordiniert freigibt. Das soll mögliche Marktengpässe abfedern und Preisspitzen dämpfen. Zusätzlich kündigen sie Gespräche mit wichtigen Förderländern an, um eine vorübergehende Ausweitung der Produktion zu prüfen.
Wie sich eine längere Blockade auswirken kann
Sollte die Störung an der Straße von Hormus länger anhalten, erwarten Fachleute gestaffelte, aber spürbare Konsequenzen:
- Kurzfristig steigen Transportkosten und Versicherungsprämien für die Schifffahrt.
- Mittelfristig ziehen Energiepreise an, vor allem für Flüssiggas und bestimmte Ölprodukte.
- Langfristig drohen Produktionsausfälle in Branchen, die stark auf Spezialgase und Chemikalien aus der Region angewiesen sind.
Besonders anfällig sind Länder, deren Importstruktur stark konzentriert ist. Sie müssen entweder zu deutlich höheren Preisen alternative Lieferungen sichern oder den Verbrauch vorübergehend senken. Für Volkswirtschaften wie Italien und Belgien kann das Konjunkturprogramme und Haushaltsplanungen erheblich durcheinanderbringen.
Begriffe und Hintergründe zur Einordnung
In der Debatte tauchen viele Fachbegriffe regelmäßig auf, werden jedoch selten erläutert. Flüssiggas wird häufig als LNG (verflüssigtes Erdgas) bezeichnet: Erdgas, das für den Transport stark heruntergekühlt und verflüssigt wird. So lässt es sich per Schiff über tausende Kilometer bewegen und bietet hohe Flexibilität – ist aber zugleich auf sichere Seewege angewiesen.
Propan zählt zu den Flüssiggasen und wird als Brennstoff etwa für Heizungen, Industrieöfen und teilweise auch im Verkehr genutzt. Spezialgase werden unter anderem in der Halbleiterfertigung, der Medizintechnik und der Chemieindustrie eingesetzt. Schon kleinere Ausfälle können dort große Produktionsabläufe aus dem Takt bringen.
Die Straße von Hormus gilt seit Jahrzehnten als geopolitischer „Hotspot“. Bei jedem größeren Konflikt im Nahen und Mittleren Osten stellt sich unmittelbar die Frage, wie sicher die Passage ist. Reedereien bewerten dann nicht nur Kosten, sondern auch das Risiko, dass Schiffe in Kampfhandlungen geraten oder festgesetzt werden.
Was Unternehmen und Verbraucher nun erwartet
Viele Unternehmen in Europa prüfen aktuell ihre Lieferketten und versuchen, zusätzliche Bezugswege aufzubauen. Energieversorger verhandeln mit Anbietern in den USA, Australien, Norwegen oder Nordafrika über weitere Mengen. Für die Industrie kann das heißen, kurzfristig flexibler zu disponieren, Lagerbestände aufzustocken oder Prozesse so umzustellen, dass sie mit schwankender Energieversorgung zurechtkommen.
Verbraucherinnen und Verbraucher werden die Situation vor allem über Energiepreise wahrnehmen. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre reagieren Märkte auf neue Störungen besonders empfindlich – selbst dann, wenn physisch noch ausreichend Öl und Gas verfügbar ist. Versicherer, Händler und Spekulanten preisen Risiken häufig frühzeitig ein.
Für Deutschland bleibt die Lage angespannt, aber im europäischen Vergleich eher beherrschbar. Die breitere Aufstellung bei Lieferländern, der Ausbau neuer Flüssiggas-Terminals und zusätzliche Pipelines schaffen Handlungsspielräume. Trotzdem zeigt die Hormus-Krise, wie empfindlich das globale Energiesystem reagiert, wenn eine einzelne Meerenge ins Wanken gerät – und weshalb selbst scheinbar robuste Volkswirtschaften nicht sorglos planen können.
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