Mit dem Sommerbeginn an diesem Sonntag erreicht das Abfallaufkommen in Portugal alarmierende Ausmaße. Um die Bevölkerung für dieses Problem zu sensibilisieren, hat die Portugiesische Umweltagentur (APA) eine Initiative gestartet, die bis zum 26. Juli mit Bildungsangeboten für die ganze Familie durch das Land tourt.
Der Ausbruch aus dem Alltag während der traditionellen Sommerferien wird zusammen mit der entspannten Urlaubsatmosphäre als einer der wichtigsten Gründe für das steigende Müllaufkommen zwischen Juni und August genannt. Darauf weist Ana Cristina Carrola, Mitglied des APA-Verwaltungsrats, hin. Allein in diesem Zeitraum entstanden im vergangenen Jahr 1,8 Millionen Tonnen Abfall. „In den vergangenen zwei Jahren haben wir einen sehr deutlichen Anstieg beim Abfallaufkommen erlebt. 2024 verzeichneten wir ein Plus von fast 4 %, und 2025 lagen die Werte zwischen 1,5 und 2 %. Ausgehend von einem Niveau, das bei der Abfallproduktion bereits über dem EU-Durchschnitt lag, bereitet uns dieser weitere Anstieg Sorgen“, erläutert die APA-Vertreterin gegenüber JN.
Auch der Umweltverband Zero beobachtet im Sommer wachsende Abfallmengen. Als eine Ursache nennt die Organisation den starken Zustrom von Touristinnen und Touristen in diesen Monaten. „Im Sommer verdoppelt sich beispielsweise die Bevölkerung an der Algarve. Es besteht kein Zweifel daran, dass dadurch mehr Abfall entsteht“, erklärt Susana Fonseca. Als weiteren Faktor führt sie die übermäßige Nutzung von Einwegprodukten bei Veranstaltungen, Festivals und Konzerten an.
Obwohl Festivalveranstalter sich zur Nachhaltigkeit bekennen, warnt Zero davor, diese Maßnahmen zu überschätzen. Mehrwegbecher würden in der Praxis häufig nur einmal verwendet, weil sie mit kontextbezogenen Logos versehen seien und nach der Veranstaltung nicht erneut zum Einsatz kämen. „Ein Mehrwegbecher ist Teil eines Systems. Er kann am Ende zurückgegeben, gereinigt und anschließend bei anderen Veranstaltungen wieder eingesetzt werden – und genau das passiert nicht. Oftmals ist er gegenüber der bisherigen Lösung nicht einmal vorteilhaft“, stellt Susana Fonseca gegenüber JN klar.
APA-Roadshow mit einem mobilen Lastwagen
Wegen der besorgniserregenden Entwicklung beim Abfallaufkommen hat die APA eine „Roadshow“ ins Leben gerufen: Ein mobiler Lastwagen wird 18 Tage lang durch Portugal fahren. Bis zum 26. Juli macht das Fahrzeug jeweils drei Tage in Coimbra, Aveiro, Braga, Castelo Branco, Évora und Portimão Halt. Geplant sind Workshops und Lernspiele für die gesamte Familie, die dazu anregen sollen, Abfälle richtig zu trennen und zu recyceln. Zur „Roadshow“ gehört außerdem eine „Ausredenwand“, an der Bürgerinnen und Bürger ihre schlechten Gewohnheiten „beichten“ können. Damit soll die Bevölkerung dazu aufgefordert werden, „weniger Ausreden zu suchen und mehr zu recyceln“.
Der Sattelauflieger ist ein weiterer Bestandteil des Projekts „Wir machen dem Müll den Garaus“, das die APA im vergangenen Dezember gestartet hat. Dabei stehen zwei Grundregeln im Mittelpunkt: für nachhaltigeres Konsumverhalten zu werben und zur korrekten Abfalltrennung aufzurufen. „Wir versuchen, diese besonderen Zeiträume zu nutzen, um die Menschen dafür zu sensibilisieren, achtsamer zu sein und nachhaltiger zu konsumieren“, erklärt Carrola.
Unterschiedliche Einschätzungen
„Wir möchten persönlich mit den Menschen sprechen, ihre Schwierigkeiten verstehen und herausfinden, ob ihrer Ansicht nach etwas beim Komfort verbessert werden kann“, sagt die APA-Vertreterin. Die unmittelbare Nähe zur Bevölkerung sei eine der Stärken dieser Initiative.
Zero erkennt die Bedeutung des Themas an, steht der Aktion jedoch zurückhaltend gegenüber. „Die Botschaft ist nicht falsch, kommt aber etwas spät“, meint Susana Fonseca. „Über Abfall im Allgemeinen zu sprechen, ist interessant, aber entscheidend sind die Lösungen: Was finden die Menschen im Alltag vor, das ihr Leben erleichtert und ihnen zugleich Anreize für die Abfalltrennung bietet?“, begründet die Umweltschützerin ihre Position. Ihrer Ansicht nach fehlen weiterhin vielerorts Infrastrukturen, um die Recyclingziele zu erreichen.
Carrola betont, dass beide Bereiche parallel bearbeitet würden. Die Verbesserung der Infrastruktur stehe ebenfalls auf der Prioritätenliste der APA, doch Sensibilisierungsmaßnahmen hätten ebenso eine zentrale Funktion. „Mit der Zeit empfinden die Menschen weniger Schwierigkeiten, weil sie bereits über den Nutzen dieser Trennung informiert sind, und sie werden anfangen mitzumachen“, ist das APA-Mitglied überzeugt.
Die getrennte Sammlung in drei Fraktionen gibt es in Portugal bereits seit vielen Jahren; die dafür nötige Infrastruktur werde zunehmend ausgebaut und für die Bevölkerung zugänglicher. Die jüngste Herausforderung seien Bioabfälle – biologisch abbaubare organische Abfälle wie Essensreste und Gartenabfälle –, die laut Carrola ein „Prozess in der Ausweitungsphase“ seien.
Da Bioabfälle für einen großen Teil der Bevölkerung noch immer wenig bekannt sind, soll sich ein erheblicher Teil der Aufklärungsarbeit auf diesen Bereich konzentrieren. Dabei geht es um Kompostierung und ihre Vorteile. Lebensmittelabfälle können Material für die Erzeugung erneuerbarer Energie liefern und zur Entwicklung natürlicher Düngemittel beitragen. „Wir wollen den Menschen dieses Bewusstsein vermitteln: Die Summe der Beiträge jedes Einzelnen zählt“, schließt Ana Cristina Carrola.
Tipps für einen umweltfreundlicheren Alltag – und für den Geldbeutel
- Planen Sie Ihren Einkauf vor dem Gang in den Supermarkt sorgfältig, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden.
- Bevor Sie Essensreste wegwerfen, suchen Sie nach neuen Rezepten, um sie weiterzuverwenden.
- Denken Sie daran, beim Einkaufen stets wiederverwendbare Taschen mitzunehmen.
- Nehmen Sie für Take-away-Bestellungen einen eigenen Behälter mit.
- Kaufen Sie Obst und Gemüse lose, um unnötige Kunststoffverpackungen zu vermeiden.
- Prüfen Sie vor einem Neukauf zunächst, ob es passende Secondhand-Alternativen gibt.
- Bestellen Sie im Restaurant lieber ein Glas Wasser statt einer Flasche.
- Ersetzen Sie Papierservietten durch Stoffservietten.
Zahlen, die das Ausmaß des Problems verdeutlichen
- 5,5 Millionen Euro wurden für die Initiative „Wir machen dem Müll den Garaus“ ausgegeben. Die Mittel stammen aus dem Nachhaltigkeitsprogramm der Europäischen Union und werden national durch den Umweltfonds kofinanziert.
- Portugal belegt den 8. Platz unter den EU-Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Müllaufkommen und liegt bei der Abhängigkeit von Deponien 20 % über dem europäischen Durchschnitt.
- 1,4 kg pro Tag Abfall erzeugte jede Einwohnerin und jeder Einwohner Portugals 2024; 75 % davon wurden nicht getrennt gesammelt.
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