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Graphen aus Erdnussschalen: Neue Methode der UNSW

Wissenschaftler im Labor hält Schale mit schwarzem Material, daneben Bananenschale, Kakaobohnen und Schalen.

Aus scheinbar wertlosen Erdnussschalen hat ein australisches Forschungsteam ein hochwertiges Graphen-Material hergestellt. Das Verfahren benötigt weder giftige Chemikalien noch viel Energie und könnte die bislang sehr kostspielige Fertigung des „Wundermaterials“ Graphen grundlegend verändern.

Vom Abfall zum Hightech-Rohstoff

Weltweit entstehen jährlich über zehn Millionen Tonnen Erdnussschalen. Ein erheblicher Anteil wird deponiert oder lediglich als minderwertiger Zusatz für Kompost und Tierfutter genutzt. Ökonomisch ist das kaum attraktiv, und auch aus ökologischer Sicht ist diese Verwertung wenig überzeugend.

An diesem Punkt setzt das Team um den Maschinenbauingenieur Guan Yeoh von der University of New South Wales (UNSW) in Sydney an. Die Forschenden wollten herausfinden, ob sich der vermeintlich wertlose Reststoff in ein hochwertiges Produkt überführen lässt – auf eine Weise, die sowohl energetisch als auch ökologisch sinnvoll ist.

Die Antwort lautet: ja. Die feste Schale der Erdnuss enthält viel Lignin, ein pflanzliches Polymer. Dieses Lignin besteht überwiegend aus Kohlenstoff – also genau jenem Element, das auch die Grundlage von Graphen bildet.

Aus einem schlecht nutzbaren Agrarabfall wird ein möglicher Schlüsselrohstoff für die Elektronik-Industrie – und das mit einem simplen, schnellen Prozess.

Warum Graphen so gefragt ist

Seit Jahren begeistert Graphen Forschungslabore auf der ganzen Welt. Das Material besteht aus nur einer Schicht Kohlenstoffatome, die in einem wabenartigen Muster angeordnet sind. Diese einfache Struktur verleiht ihm jedoch außergewöhnliche Eigenschaften:

  • Es ist bei extrem geringem Gewicht stärker als Stahl.
  • Es leitet elektrischen Strom besser als Kupfer.
  • Es ist biegsam und fast durchsichtig.

Trotz seines großen Potenzials ist Graphen im Alltag weiterhin selten anzutreffen. Der Grund liegt in der aufwendigen, langsamen und folglich teuren Herstellung. Viele etablierte Prozesse nutzen Erdölerzeugnisse oder aggressive Chemikalien und benötigen große Energiemengen. Genau hier soll die Methode mit Erdnussschalen ansetzen.

Zweistufiger Hitzeschock: Graphen aus Erdnussschalen

Das Verfahren der UNSW-Forschenden besteht aus zwei voneinander getrennten Erhitzungsphasen. Es kommt ohne Lösungsmittel und Reagenzien aus und ist insgesamt nach wenigen Minuten abgeschlossen.

Schritt 1: Vorbehandlung bei 500 Grad

Zuerst werden die Erdnussschalen getrocknet und anschließend zu feinem Pulver gemahlen. Dieses Pulver erhitzen die Forschenden auf etwa 500 °C – mithilfe von indirektem Joule-Heizen. Dabei erwärmt elektrischer Strom ein umgebendes Material, das die erzeugte Wärme an die Schalen weitergibt.

Während dieser etwa fünf Minuten dauernden Phase entweichen Wasser, Sauerstoff, Wasserstoff und weitere flüchtige Bestandteile. Zurück bleibt ein Biokoks: ein kohlenstoffreicher Feststoff mit zahlreichen aromatischen Ringen und damit bereits vergleichsweise geordneten Kohlenstoffstrukturen.

Diese Vorbehandlung ist von zentraler Bedeutung. Yeoh erklärt, dass ohne diese sauber erzeugte Zwischenstufe im späteren Graphen wesentlich mehr Defekte entstehen würden. Die Qualität des Zwischenprodukts beeinflusst somit entscheidend die Güte des Endmaterials.

Schritt 2: Ultrakurzer Temperatur-Flash auf über 3.000 Grad

Im zweiten Verarbeitungsschritt verwendet das Team das sogenannte „flash Joule heating“. Ein plötzlich einsetzender, starker Stromimpuls lässt die Temperatur für wenige Millisekunden auf mehr als 3.000 °C steigen.

Durch diesen extremen Hitzeschock strukturieren sich die Kohlenstoffatome neu. Aus dem Biokoks entstehen Graphenschichten, die sich zu dünnen, teilweise ungeordneten Stapeln zusammenlagern. Dieser Materialzustand heißt „turbostratisches Graphen“.

Vom ersten Erhitzen des Pulvers bis zum fertigen Graphen-Material nimmt der gesamte Vorgang rund zehn Minuten in Anspruch. Erforderlich sind ausschließlich Strom und der organische Ausgangsstoff, nicht jedoch Chemikalien.

Zwei Hitze-„Blitze“, zehn Minuten Prozesszeit, keine Lösungsmittel: Die Methode zielt klar auf industrielle Skalierung.

Turbostratisches Graphen: nicht makellos, aber vielseitig einsetzbar

Turbostratisches Graphen entspricht nicht dem perfekten Einzelblatt, das häufig in Lehrbüchern gezeigt wird. Mehrere Graphenlagen liegen vielmehr locker und leicht gegeneinander verdreht übereinander. Für die Grundlagenphysik wirkt das möglicherweise weniger elegant, für technische Anwendungen kann es jedoch besonders vorteilhaft sein.

Denn zahlreiche Einsatzbereiche profitieren stärker von mehreren dünnen Schichten als von einem idealen Monolayer. Mögliche Anwendungen sind unter anderem:

  • Elektroden für Lithium-Ionen- und Natrium-Ionen-Batterien
  • Leitfähige Schichten in flexiblen Solarzellen
  • Transparente Elektroden für Touchscreens
  • Sensoren für Biosignale in der Medizintechnik

In solchen Anwendungen sind hohe Leitfähigkeit, mechanische Stabilität und gute Verarbeitbarkeit wichtiger als atomare Perfektion. Gerade bei diesen Eigenschaften könnte das Graphen aus Erdnussschalen seine Stärken ausspielen.

Energiekosten: Ein Kilogramm Graphen für gut einen Euro

Ein wesentliches Argument für den Ansatz sind die benötigten Energiekosten. Den Berechnungen des Teams zufolge erfordert die Herstellung eines Kilogramms Graphen mit dem Erdnussschalen-Verfahren Strom im Wert von etwa 1,30 US-Dollar, also rund 1,10 Euro.

Herkömmliche Verfahren liegen im Vergleich deutlich darüber. Das gilt etwa für Prozesse, bei denen Graphit chemisch behandelt oder Kohlenstoff aus der Gasphase abgeschieden wird; zudem basieren sie häufig auf fossilen Rohstoffen. Zusätzlich entstehen Kosten für die Entsorgung giftiger Rückstände.

Verfahren Ausgangsstoff Chemiestoffe nötig? Energiebedarf (Tendenz)
Chemische Exfoliation Graphit aus Bergbau Ja, starke Säuren/Basen Hoch
CVD-Abscheidung Gasförmige Kohlenstoffquellen Ja Sehr hoch
Erdnussschalen-Flash-Verfahren Agrarabfall Nein Niedrig

Sollten sich diese Werte auch im industriellen Maßstab bestätigen, könnte Graphen künftig ähnlich selbstverständlich in Produkten eingesetzt werden wie heute Aluminium oder Kupfer – weniger exklusiv und in deutlich mehr Bereichen nutzbar.

Nicht nur Erdnussschalen: Auch Bananen und Kaffeesatz im Fokus

Die Forschenden möchten sich nicht allein auf Erdnussschalen konzentrieren. Geplant sind Tests mit weiteren Reststoffen, die reich an Lignin oder anderen kohlenstoffhaltigen Komponenten sind. Dazu gehören beispielsweise:

  • Kaffeesatz aus Cafés und Röstereien
  • Bananenschalen und Bananenstrünke
  • Holzreste aus der Forstwirtschaft

Die Vision dahinter ist, dass eine ganze Gruppe landwirtschaftlicher Nebenprodukte als Ausgangsmaterial für Hightech-Werkstoffe dienen könnte. Dadurch ließen sich nicht nur die Kosten reduzieren, sondern auch neue Geschäftsmodelle in ländlichen Regionen schaffen – etwa durch regionale Sammel- und Aufbereitungsanlagen.

Vom Labor in die Industrie: Prototyp in drei bis vier Jahren

Aktuell befindet sich das Verfahren noch im Labormaßstab. Verarbeitet werden Mengen im Gramm- und Kilogrammbereich, nicht die für eine Produktionsfabrik erforderlichen Tonnenmengen. Yeoh und sein Team gehen davon aus, erste industrielle Prototypanlagen innerhalb von drei bis vier Jahren errichten zu können.

Bis dahin sind mehrere Herausforderungen zu bewältigen. Die Flash-Heiztechnik muss sich sicher und gleichmäßig auf größere Materialmengen übertragen lassen, die Stromversorgung muss zuverlässig funktionieren, und die Qualität des Graphens muss konstant bleiben. Außerdem stellt sich die Frage, wie sich das Material am sinnvollsten in bestehende Fertigungslinien integrieren lässt, etwa bei Batteriezellen oder Displays.

Chancen, Risiken und Folgen für Verbraucher

Aus Klima- und Umweltsicht erscheint der Ansatz vielversprechend: Ein Abfallstrom wird hochwertig genutzt, fossile Rohstoffe und giftige Chemikalien werden überflüssig, und der Energiebedarf sinkt. Die CO₂-Bilanz könnte daher deutlich günstiger ausfallen als bei konventionellen Verfahren – insbesondere dann, wenn der benötigte Strom aus erneuerbaren Quellen stammt.

Die Risiken betreffen weniger das Material selbst, denn Graphen kommt bereits heute in Pilotprojekten zum Einsatz. Die größere Herausforderung ist die Skalierung. Bei einer stark steigenden Nachfrage könnten plötzlich große Mengen organischer Reststoffe benötigt werden. Dann wäre zu klären, ob Landwirtinnen und Landwirte tatsächlich nur Abfälle vermarkten oder ob neue Anbauflächen für entsprechende Kulturen entstehen. In einigen Regionen könnte dies mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher würde der Wandel vermutlich schrittweise sichtbar. Niemand wird im Elektronikgeschäft ein „Erdnussschalen-Smartphone“ kaufen. Wahrscheinlicher sind langlebigere Geräte, Akkus mit schnellerer Ladezeit und mehr Ladezyklen oder dünnere und flexiblere Solarzellen. Der Ursprung des Materials bliebe ein Detail im Datenblatt – allerdings eines mit einer durchaus spannenden Geschichte.

Ein weiterer häufig übersehener Aspekt ist die mögliche Verbindung mit dezentralen Energiesystemen. In Regionen mit viel Solarstrom könnten kleine Anlagen organische Reststoffe direkt vor Ort in Graphen umwandeln. Die Wertschöpfung würde in der Region bleiben, Transportwege wären kürzer, und Hightech-Material könnte fernab klassischer Industriestandorte entstehen.

Der Weg bis dahin ist zwar noch weit, die Botschaft aus Australien aber eindeutig: Ausgerechnet das Knacken einer Erdnuss könnte der Elektronikindustrie einen neuen Weg zu Rohstoffen eröffnen – sauberer, günstiger und näher an den Feldern als an der Ölraffinerie.

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