Wenn Menschen darüber nachdenken, wodurch Bluthochdruck entsteht, kommen ihnen meist zuerst Lebensstilfaktoren in den Sinn – etwa stark gesalzene Ernährung, zu wenig Bewegung oder Rauchen.
Doch es gibt eine überraschende zusätzliche Salzquelle, die bei Millionen von Menschen den Blutdruck mit nach oben treiben könnte: das Wasser, das sie trinken.
Mit dem steigenden Meeresspiegel dringt zunehmend Salzwasser in Süsswasserressourcen auf der ganzen Welt ein. Ich bin Public-Health-Forscher, und das führte in meinem Team zu einer Frage: Könnte Salzwasserintrusion das Risiko für Bluthochdruck weltweit erhöhen?
In unserer Auswertung der vorhandenen Forschung zeigte sich: Menschen, die salzigerem Trinkwasser ausgesetzt sind, haben tendenziell deutlich höhere Blutdruckwerte und ein erhöhtes Hypertonie-Risiko.
Wie zu erwarten ist, ist dieser Zusammenhang besonders ausgeprägt in Küstenregionen, in denen Meerwasser die Süsswasserversorgung immer stärker beeinträchtigt.
Unsere Ergebnisse rücken damit einen häufig übersehenen Umweltfaktor bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den Fokus – einen Faktor, der sich mit der Beschleunigung des Klimawandels weiter verschärfen könnte.
Umweltgesundheit und Hypertonie
Hypertonie – ein dauerhaft erhöhter Blutdruck – betrifft weltweit über eine Milliarde Menschen und zählt weiterhin zu den wichtigsten Ursachen für Herzkrankheiten und Schlaganfälle.
Trotzdem konzentrieren sich Präventionsmassnahmen global vor allem auf den Lebensstil; Umwelteinflüsse finden im Vergleich meist deutlich weniger Beachtung.
Ein solcher Einfluss ist die Salinität von Trinkwasser, also die Konzentration gelöster Salze – vor allem Natrium – im Wasser. In vielen Küstengebieten wird Grundwasser salziger, weil der Meeresspiegelanstieg Meerwasser in Süsswasser-Aquifere drückt.
Das ist besonders problematisch, weil weltweit über 3 Milliarden Menschen in Küstennähe leben – viele davon in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen, in denen Grundwasser die zentrale Trinkwasserquelle darstellt.
In solchen Küstengemeinden können Menschen unbemerkt grosse Mengen Natrium aufnehmen, allein durch Trinken und Kochen mit salzhaltigem Wasser, dessen Salzgehalt sie nicht unbedingt herausschmecken.
Salinität im Trinkwasser ist ähnlich riskant wie Bewegungsmangel
Seit Langem vermuten Forschende, dass der Kontakt mit stark salzhaltigem Trinkwasser den Blutdruck und damit das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beeinflussen kann.
Allerdings war die bisherige Studienlage oft schwer zu vergleichen: unterschiedliche Studiendesigns, uneinheitliche Ergebnisse, widersprüchliche sowie teils ungenaue Verfahren zur Messung der Salinität und kleine Stichproben. Zudem blieb offen, ob und wie stark sich ein mögliches Risiko zwischen Bevölkerungsgruppen unterscheidet.
Um diese Unsicherheit zu verringern, haben mein Team und ich eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse durchgeführt. Dafür bündelten wir Daten aus 27 bevölkerungsbasierten Studien mit mehr als 74,000 Teilnehmenden aus den USA, Australien, Israel, Bangladesch, Vietnam, Kenia und mehreren europäischen Ländern.
Das Zusammenführen von Daten aus verschiedenen Studien kann zentrale Schwächen einzelner Untersuchungen teilweise ausgleichen, weil relevante Effekte besser erkennbar werden. Ausserdem erhöht die Zusammenführung von Erkenntnissen aus unterschiedlichen Bevölkerungen, Umfeldern und Studiendesigns die Übertragbarkeit, weil sie ein umfassenderes Gesamtbild liefert.
Die Studien, die wir ausgewertet haben, untersuchten den Zusammenhang zwischen Natriumgehalten im Trinkwasser und kardiovaskulären Ergebnissen – darunter Blutdruck, Hypertonie und weitere herzbezogene Erkrankungen.
Als wir Gesundheitsdaten von Menschen mit höherer Trinkwasser-Salinität mit jenen verglichen, die niedrigeren Werten ausgesetzt waren, zeigte sich ein durchgängiges Muster.
Personen, die salzigeres Wasser tranken, hatten im Mittel einen um etwa 3.22 mmHg höheren systolischen Blutdruck und einen um etwa 2.82 mmHg höheren diastolischen Blutdruck.
Insgesamt war eine hohe Salinität im Trinkwasser mit einem um 26% erhöhten Risiko verbunden, eine Hypertonie zu entwickeln. Am stärksten waren diese Zusammenhänge in Küstenpopulationen.
Auch wenn diese Zunahmen für einzelne Personen eher moderat sind, können selbst kleine Verschiebungen des Blutdrucks in grossen Bevölkerungen erhebliche Auswirkungen für die öffentliche Gesundheit haben.
Zur Einordnung: Das Hypertonie-Risiko durch höhere Salinitätswerte im Wasser ist vergleichbar mit dem anderer kardiovaskulärer Risikofaktoren, etwa geringer körperlicher Aktivität, die das Hypertonie-Risiko um ungefähr 15% bis 25% erhöht.
Natriumwerte im Blick behalten
Unsere Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, bei Risikofaktoren für Bluthochdruck nicht nur individuelles Verhalten, sondern auch Umweltexpositionen mitzudenken.
Obwohl die Hinweise darauf zunehmen, dass salzhaltiges Trinkwasser den Blutdruck beeinflusst, ist über mögliche Folgen für langfristige Herz-Kreislauf-Erkrankungen – etwa Herzinfarkte oder Schlaganfälle – bislang vergleichsweise wenig bekannt.
Mein Team und ich fanden nur sehr wenige Studien, die sich genau mit diesen Endpunkten beschäftigen. Künftige Forschung könnte klären, wie der Konsum von salzhaltigem Wasser das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verändert und ab welchen Salinitätswerten Gesundheitsgefahren auftreten.
Bemerkenswert ist auch: In den aktuellen Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation gibt es keinen gesundheitsbasierten Grenzwert für Natrium im Trinkwasser. Das unterstreicht zusätzlich, wie sehr es an belastbarer wissenschaftlicher Evidenz fehlt.
Für die meisten Menschen ist Nahrung weiterhin die wichtigste Natriumquelle. Steigt jedoch die Salinität des Wassers, kann auch das Trinkwasser zur gesamten Natriumaufnahme beitragen.
Wer Zugang dazu hat, kann lokale Berichte zur Wasserqualität prüfen und zugleich auf die gesamte Natriumzufuhr in der Ernährung achten – das kann helfen, den Blutdruck besser zu kontrollieren.
Rajiv Chowdhury, Professor für Globale Gesundheit, Florida International University
Dieser Artikel wird mit einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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