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Seismische Untersuchungen lassen Finnwal-Rufe vor Spanien verstummen

Junger Buckelwal schwimmt unter Wasser mit Sonnenstrahlen, die durch die Meeresoberfläche brechen.

Die ohrenbetäubenden Explosionen, mit denen unter dem Meeresboden nach Öl und Gas gesucht wird, könnten sehr viel mehr stören als nur Gesteinsschichten.

Eine neue Studie deutet darauf hin, dass solche Impulse die Rufe von Finnwalen in einem wichtigen Zuggebiet deutlich verringern können – und damit die Sorge verstärken, dass Industrielärm das Leben eines der bekanntesten Meeressäuger zusätzlich erschwert.

In Gewässern vor Nordwestspanien untersuchten Forschende der University of Southampton, was passierte, als 2013 eine seismische Messkampagne eine bekannte Route von Finnwalen kreuzte. Das Ergebnis: Sobald Luftkanonen feuerten, ging die Zahl der registrierten Walrufe klar zurück.

Brutaler Lärm im Ozean

Seismische Untersuchungen gelten als Standardverfahren in der Öl- und Gasexploration. Dafür schleppen Schiffe Geräte, die in kurzen Abständen wiederholt Stösse aus komprimierter Luft ins Meer abgeben.

Die dabei entstehenden Schallwellen laufen nach unten, treffen auf den Meeresboden und werden zurückgeworfen. Aus diesen Echos lassen sich die darunterliegenden Gesteinsschichten kartieren. So nützlich die Methode ist – sie ist zugleich extrem laut.

Die Luftkanonen können alle 10 bis 20 Sekunden auslösen. Frühere Messungen zeigten, dass das Geräusch noch in mehr als 3.000 Kilometern Entfernung nachweisbar sein kann.

Damit zählt es zu den intensivsten vom Menschen erzeugten Geräuschen im Meer. Für Wale ist das keine belanglose Störung.

Unter Wasser ist Schall für sie zentral: zur Kontaktaufnahme, zur Orientierung in der Umgebung und bei der Nahrungssuche.

Wenn diese akustische Umwelt von schwerem Industrielärm überlagert wird, wird das Meer nicht nur lauter – es wird für Wale spürbar schwieriger, darin zu leben.

Wie Finnwale auf den Lärm reagierten

Um die Reaktion der Tiere zu erfassen, wertete das Team 63 Tage durchgehender Aufnahmen aus, die von drei Messgeräten am Meeresboden stammten.

Verglichen wurden vier wechselnde Zeitfenster: Zwei lagen in Phasen, in denen seismisch geschossen wurde; zwei weitere waren ruhigere Abschnitte – darunter eine Phase, in der das Vermessungsschiff die Arbeiten stoppte und für Reparaturen nach Vigo fuhr.

Der Vergleich zeigte ein auffälliges Muster. Während aktiver Schüsse nahmen Finnwal-Vokalisationen an allen drei Messorten deutlich ab. Im Mittel gingen die Nachweise um etwa 70 Prozent zurück.

Zusätzlich prüften die Forschenden, ob Rufe lediglich vom Luftkanonenlärm überdeckt worden sein könnten. Selbst nach Korrektur dieses Maskierungseffekts blieb der Rückgang ausgeprägt und lag – je nach Instrument – zwischen 45.1 und 69.6 Prozent.

Auch die zeitliche Dynamik war deutlich: Innerhalb von ein bis zwei Tagen nach Beginn der Schüsse sank die Rufaktivität. In den ruhigeren Intervallen stieg die Zahl der Rufe wieder an.

„Finnwale zeigen eine Bandbreite an Walrufen, von denen wir annehmen, dass sie mit wichtigen Paarungs- und Sozialverhaltensweisen zusammenhängen“, sagte Amy Feakes, Postgraduiertenforscherin an der University of Southampton, die die Studie mit leitete.

„Trotz erheblicher Sorge darüber, wie solche Untersuchungen ihre Rufe stören könnten, gab es bis jetzt nur sehr wenige Studien und nur begrenzte Belege.“

Warum die Wale stiller wurden

Die Studie kann nicht eindeutig klären, was die Wale in den lautesten Phasen genau taten. Möglich ist, dass sie weniger riefen, das Gebiet mieden – oder beides.

Entwarnung bietet keine dieser Erklärungen. Blieben die Tiere in der Nähe und wurden stiller, könnte wichtige Kommunikation gestört worden sein – mit Folgen für Sozialverhalten, Abstimmung innerhalb der Gruppe oder Paarung.

Zogen sie dagegen weg, entsteht ein anderes, aber ebenso ernstes Problem: Lärm könnte Finnwale aus einem Abschnitt eines Wanderkorridors verdrängt haben, sodass sie ihre Route ändern oder zusätzliche Energie aufwenden mussten, um der Störung auszuweichen.

„Wir wissen nicht, ob die Wale ihre Lautäusserungen reduzierten, sich vom Untersuchungsgebiet entfernten oder beides kombinierten“, sagte Tim Minshull von der University of Southampton.

„Angesichts der weitverbreiteten Nutzung seismischer Untersuchungen und ihrer Fähigkeit, Schall über grosse Distanzen zu übertragen, beginnen diese Ergebnisse, die möglichen Auswirkungen auf die Kommunikation von Finnwalen, ihren Energieaufwand und ihre Nutzung von Lebensräumen zu beleuchten.“

Ein weiterer Aspekt verschärft die Sorge: Finnwale sind auf der Roten Liste der IUCN als gefährdet eingestuft. Analysiert wurden in der Studie 20-Hz-Impulse – also Signale in jenem tieffrequenten Bereich, in dem auch ein grosser Teil der Energie von seismischen Luftkanonen liegt.

Damit konkurrieren Walrufe und Schüsse im selben akustischen Raum, was Störungen deutlich wahrscheinlicher macht.

Lärm im globalen Ozean

Es geht dabei nicht nur um ein einzelnes Schiff vor einer Küste. Seismische Untersuchungen finden weltweit in vielen Regionen statt, und der Unterwasserlärm hat über Jahrzehnte zugenommen, während Offshore-Aktivitäten expandierten.

Schifffahrt, Bauarbeiten, militärische Nutzung und Energieerkundung haben die Meeresumwelt insgesamt lauter gemacht.

Gemessen wurde hier eine kurzfristige Reaktion. Die grössere Frage lautet jedoch, welche Folgen wiederholte Störungen über längere Zeiträume haben könnten. Wenn Kommunikation, Bewegung und Nahrungssuche immer wieder beeinträchtigt werden, könnten sich Effekte aufbauen, die zunächst schwer zu erkennen sind.

Deshalb betonen die Forschenden, dass Zeitpunkt, Intensität und räumliche Ausdehnung seismischer Untersuchungen in Walgebieten sehr viel sorgfältiger abgewogen werden müssen. Ansatzpunkte für Lösungen gibt es bereits: Ausschlusszonen könnten die lautesten Aktivitäten von empfindlichen Lebensräumen fernhalten.

Saisonale Einschränkungen könnten Wale während Zug- oder Fortpflanzungszeiten besser schützen. Ausserdem könnten leisere Erkundungstechnologien den Schaden verringern.

Ein deutliches Warnsignal für die Meere

Bemerkenswert an der Studie ist nicht nur, dass die Walrufe abnahmen, sondern wie stark der Rückgang ausfiel, wie konsistent das Muster war und wie eng die Veränderung mit dem Auftreten des seismischen Lärms zusammenhing.

Das ist wichtig, weil Wale in einer Welt leben, die stark durch Schall geprägt ist. Wenn diese Welt von industriellen Schüssen überrollt wird, ist Stille nicht einfach Leere – sie kann ein Hinweis darauf sein, dass etwas Wesentliches unterbrochen wird.

Der durch seismische Untersuchungen erzeugte Lärm ist keine harmlose Hintergrundkulisse. Für Finnwale, die sich durch einen ohnehin anspruchsvollen Ozean bewegen, könnte er einen grundlegenden Bestandteil ihres Lebens verdrängen.

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Wissenschaftliche Berichte veröffentlicht.

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