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Flocean One: Unterwasser-Entsalzungsanlage vor Norwegen startet 2026

Taucher entnimmt Wasserprobe aus rundem Messgerät auf Boot mit Gebirgslandschaft im Hintergrund bei Sonnenuntergang.

Während Städte über Bewässerungsverbote diskutieren und Landwirte sich auf ein weiteres trockenes Jahr einstellen, setzen Ingenieure vor der norwegischen Küste auf einen anderen Ansatz: Die Entsalzungsanlage soll nicht am Strand stehen, sondern auf dem Meeresboden arbeiten.

Eine Unterwasseranlage, die Druck in Trinkwasser verwandelt

Das Vorhaben mit dem Namen Flocean One gilt als weltweit erste vollständig abtauchbare Entsalzungsanlage. Der Betrieb soll 2026 in der Nähe von Mongstad an Norwegens Westküste anlaufen – in Wassertiefen zwischen 300 und 600 metres.

In dieser Tiefe passiert mit dem Meerwasser etwas äußerst Nützliches: Es steht von selbst unter hohem Druck. Der natürliche Umgebungsdruck erreicht Dutzende Bar – genug, um Wasser durch Umkehrosmosemembranen zu drücken, ohne die riesigen Hochdruckpumpenreihen, die klassische Anlagen an Land antreiben.

„Indem Flocean den eigenen Druck des Ozeans nutzt, will das Unternehmen den Energieverbrauch im Vergleich zu üblichen Küstenanlagen um bis zur Hälfte senken.“

Der Gang in die Tiefe bringt noch einen weiteren Vorteil. In 300 metres unter der Oberfläche kommt kein Sonnenlicht mehr an. Ohne Licht können Algen und viele Bakterien deutlich schlechter wachsen. Das Wasser, das an den Membranen ankommt, enthält dadurch weniger organische Bestandteile – mit der Folge: weniger Vorbehandlung, weniger Chemikalien und ein langsameres Zusetzen (Fouling) der Filter.

Anstatt großflächige Industriebauten an der Küste zu errichten, lässt das Unternehmen Kapseln in der Größe eines kleinen Schiffssegments ab. Diese Module ruhen auf dem Meeresboden, trennen Meerwasser zu Süßwasser und fördern es anschließend über eine Pipeline zurück an Land.

Eine Kapsel, die „atmet“ wie ein Wal

Flocean One erinnert optisch eher an ein Unterwassermodul aus der Öl- und Gasbranche als an ein klassisches Wasserwerk. Jede Kapsel ist eine abgedichtete, autonome Einheit und soll rund 1,000 cubic metres Frischwasser pro Tag liefern.

Die Ingenieure beschreiben den Betrieb als zyklisches „Atmen“: Die Kapsel nimmt Meerwasser auf, presst es mithilfe des Umgebungsdrucks durch Membranen und gibt danach die konzentrierte Salzlake wieder in die Tiefe ab, wo kräftige Strömungen sie verteilen.

Modulares Design und dienstleistungsbasiertes Geschäftsmodell

Der entscheidende Hebel ist die Skalierung. Ein einzelnes Modul kann eine kleinere Stadt versorgen. Ein Verbund aus 50 Einheiten – miteinander verbunden wie Perlen an einem Unterwasserkabel – könnte 50,000 cubic metres pro Tag erreichen, genug für eine mittelgroße Stadt oder einen großen Industriestandort.

  • Einzelnes Modul: ~1,000 m³/day, etwa 37,500 versorgte Menschen
  • Zehn Module: ~10,000 m³/day, bis zu 350,000 Menschen
  • Fünfzig Module: bis zu 50,000 m³/day für städtische oder industrielle Bedarfe

Wichtig ist dabei: Städte und Versorger kaufen nicht die Hardware. Flocean behält die Kapseln im Rahmen eines Bauen-Besitzen-Betreiben-Modells in eigenem Eigentum und verkauft Wasser als Dienstleistung über langfristige Verträge. Ausbringen, Wartung und Modernisierung liegen beim Unternehmen; für Kommunen fühlt es sich an, als würden sie statt eines Stromabnahmevertrags einen entsprechenden Vertrag für Trinkwasser abschließen.

„Der Meeresboden wird zur Industriezone – nicht die Küstenlinie. Das vermeidet Flächenkäufe, lokalen Widerstand und langwierige Planungsstreitigkeiten.“

Durch die Verlagerung der Anlage vor die Küste und unter Wasser will Flocean die Investitionskosten je Kubikmeter um den Faktor sieben bis acht senken und den Landbedarf gegenüber einer typischen Küstenanlage um etwa 95 percent reduzieren. Gerade in dicht bebauten Küstenstreifen ist das relevant: Flächen sind teuer, politisch umkämpft und ökologisch oft empfindlich.

Eine Antwort auf eine drohende Wasserlücke von 40%

Dass dieses norwegische Experiment gerade jetzt vorangetrieben wird, ist kein Zufall. Prognosen der Vereinten Nationen warnen, dass die weltweite Wassernachfrage bis 2030 die verfügbaren erneuerbaren Wasserressourcen um rund 40 percent übersteigen könnte. Mehr Menschen, wasserintensivere Landwirtschaft und wachsende Industriegebiete erhöhen den Druck auf Flüsse und Grundwasserleiter, die durch den Klimawandel zusätzlich belastet sind.

Viele Regionen setzen deshalb auf konventionelle Entsalzung – vor allem im Golfraum und im Mittelmeer. Diese Anlagen haben die Versorgung von Städten stabilisiert, gehen jedoch häufig mit hohen Energiekosten, starker Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und konzentrierten Salzlaken-Einleitungen nahe der Küste einher, die marine Ökosysteme schädigen können.

Das Flocean-Konzept will diese Schwachstellen gleichzeitig adressieren:

Aspekt Konventionelle Küstenanlage Flocean-Unterwasserkapsel
Betriebstiefe Meeresspiegel 300–600 m unter Wasser
Energie-Treiber Große Hochdruckpumpen Natürlicher hydrostatischer Druck
Flächenbedarf an Land Mehrere Hektar an Land Minimal an Land, Installation am Meeresboden
Vorbehandlung Aufwendige Filtration und Chemikalien Reduziert, dank saubererem Tiefenwasser
Einleitung der Salzlake Küstennah, ökologisch sensibel In der Tiefe, verteilt durch starke Strömungen

Nach internen Szenarien, die Investoren vorgestellt wurden, könnte das Unterwassersystem den Energiebedarf gegenüber typischen Umkehrosmoseanlagen an Land um 30 to 50 percent senken und die damit verbundenen CO₂-Emissionen – je nach Strommix – ungefähr halbieren.

Unsichtbare Infrastruktur für Inseln und heiße Küsten

Eine einzelne Kapsel, die hunderte Meter unter der Oberfläche verborgen liegt, könnte den Tagesbedarf von etwa 37,500 Menschen decken – unter der Annahme durchschnittlicher Verbrauchswerte, wie sie Versorger in Europa und dem Nahen Osten nutzen. Das könnte die Wasserstrategie von Inselstaaten und Küstenregionen grundlegend verändern.

Kleine Inseln, die heute auf dieselbetriebene Entsalzung, teure Wasserimporte oder per Tankwagen gelieferte Mengen angewiesen sind, bekämen eine zusätzliche Option. Statt laute Industrieanlagen auf begehrten Strandflächen zu bauen, reicht eine Leitung an Land – während die Anlage selbst außer Sichtweite am Meeresboden bleibt.

Ähnliche Zwänge gelten für aride Küstenregionen rund um das Mittelmeer, das Rote Meer, den Indischen Ozean und den Golf. Sie brauchen schnell mehr Wasser, doch große neue Küstenwerke stoßen oft auf Widerstand von Tourismusbetrieben und Umweltgruppen. Unterwasser-Module verlagern den größten Teil der Technik aus dem Blickfeld und weg von Stränden – und bleiben dennoch nah genug, um an bestehende Netze anzuschließen.

„Die Kernidee dreht die übliche Logik um: Nicht das Meer zur Anlage bringen, sondern die Anlage zum Meer.“

Von der Technik-Kuriosität zum globalen Markt

Das Konzept hat bereits international Aufmerksamkeit erhalten. Das Magazin Time führte Floceans System unter seinen „Beste Erfindungen 2025“ und hob es als seltenes Innovationsbeispiel in der Entsalzung hervor – einem Bereich, der oft als ausgereift und eher konservativ gilt.

Der Wassertechnologie-Konzern Xylem hat Kapital bereitgestellt, um den Schritt vom Pilotbetrieb zur vollständigen kommerziellen Einführung zu unterstützen. In Norwegen plant die Kommune Alver, eines der ersten Module an ihr lokales Netz anzubinden – und die Nordsee damit zu einem leisen, unter Druck stehenden Reservoir für die Gemeinde zu machen.

Parallel laufen Gespräche über Einsätze im Mittelmeer, im Roten Meer, in Teilen des Indischen Ozeans, in der Karibik sowie in Inselgruppen im Pazifik. Die Rahmenbedingungen werden vor Ort unterschiedlich sein – von Tiefenprofilen über die Geologie des Meeresbodens bis zu Zyklonrisiken. Doch das Grundprinzip bleibt: Tiefe als Verbündeten nutzen, nicht als Hindernis.

Risiken, Abwägungen und was Ingenieure noch belegen müssen

Keine Technologie kommt ohne Kompromisse, und Unterwasser-Entsalzung bringt eigene Fragen mit. Wartung in 600 metres ist alles andere als banal: Für jeden Eingriff braucht es ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge oder spezialisierte Teams – Methoden, die aus der Offshore-Ölindustrie entlehnt sind.

Zudem müssen die Ingenieure nachweisen, dass sich die konzentrierte Salzlake – selbst wenn sie in der Tiefe zurückgeführt wird und ohne zugesetzte Chemikalien auskommt – nicht in Bereichen anreichert, die Tiefsee-Ökosysteme belasten. Detaillierte Modellierungen und langfristiges Monitoring werden entscheidend sein, um Behörden und Küstengemeinden zu überzeugen.

Hinzu kommt die Frage der Energiequelle. Zwar spart das Konzept Hochdruckpumpen, dennoch benötigen die Kapseln Strom für Steuerungstechnik, Pumpen für Zu- und Ablauf sowie für die Anbindung per Pipeline an Land. Der ökologische Nutzen hängt daher stark davon ab, ob Betreiberländer erneuerbaren Strom einsetzen oder Gas und Kohle. Eine Kopplung mit Offshore-Windparks oder Netzspeichern im Gigawattstunden-Maßstab könnte die Klimavorteile deutlich verstärken.

Was das für die künftige Wasserkarte bedeuten könnte

Sollten Unterwasseranlagen wie Flocean One im großen Maßstab funktionieren und die versprochenen Kostenniveaus erreichen, könnte sich die globale Landkarte des Wasserstresses verändern. Viele Küstenstädte schieben Investitionen in neue Entsalzungskapazitäten heute auf – wegen der Kosten, wegen Umweltauflagen oder weil geeignete Flächen fehlen. Eine leichtere, modulare und dienstleistungsbasierte Alternative könnte diese Hürden senken.

Praktisch könnte das bedeuten, dass eine Küstenstadt zunächst nur zwei oder drei Module installiert und dann alle paar Jahre weitere Kapseln ergänzt, wenn der Bedarf steigt – statt auf eine einzige Mega-Anlage zu setzen, die Milliarden verschlingt. Auch Versicherer und Entwicklungsbanken könnten modulare Unterwasserinfrastruktur anders bewerten als ausgedehnte Küsten-Industrieareale, die durch Meeresspiegelanstieg und Stürme stärker gefährdet sind.

Für Haushalte wird sich die Veränderung nicht als glänzende Technik am Horizont zeigen. Sie zeigt sich leiser: Wasserhähne, die auch während Hitzewellen laufen, weniger Notfall-Lieferungen per Tanker und stabilere Preise, wenn Flüsse Niedrigwasser führen. Für die Politik ist es ein zusätzlicher Hebel in einem Instrumentenkasten, der weiterhin Sparmaßnahmen, Wiederverwendung von gereinigtem Abwasser, effizientere Bewässerung und den Schutz von Grundwasserleitern enthalten muss.

Unterwasser-Entsalzung wird weder Staudämme noch Grundwasser noch Recycling ersetzen. Sie könnte jedoch die zusätzliche Schicht sein, die verhindert, dass aus der 40 percent-Wasserlücke in manchen Regionen eine dauerhafte Rationierung wird. Wenn 2026 beginnt, startet der erste Test im Vollmaßstab dieser Idee – weit unter der Oberfläche, wo kein Tageslicht hinkommt, der Druck aber niemals nachlässt.

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