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Frankreichs EDF, EPR2 und das 200‑Milliarden‑Stromnetz: warum 72,8 Milliarden nicht der grösste Brocken sind

Junger Mann betrachtet Energiekarten und Modelle vor Fenster mit Blick auf Kühltürme und Hochspannungsmasten.

Während Paris die Atomkraft wieder zum grossen Projekt erklärt, wächst im Hintergrund eine andere Baustelle heran, die deutlich weniger sichtbar ist – und am Ende noch gewaltigere Summen verschlingen dürfte.

Die Rückkehr der Kernenergie im grossen Stil in Frankreich ist von Riesenzahlen, Versprechen über energiepolitische Souveränität und einem komplizierten politischen Ringen in Brüssel begleitet. Legt man jedoch alles nebeneinander, wirkt der Preis neuer Reaktoren fast kleiner als das eigentliche finanzielle Schwarze Loch: die Erneuerung von Leitungen und Kabeln, die Strom überhaupt erst zu Wohnungen, Fabriken und Rechenzentren bringen.

Ein milliardenschweres Atomprogramm – mit Terminplan und Preisschild

Der staatliche Konzern EDF hat eine erste Schätzung von 72,8 Milliarden Euro (Preisstand 2020) vorgelegt, um sechs EPR2-Reaktoren an drei Standorten zu errichten: Penly, Gravelines und Bugey. In dieser Summe steckt auch der sogenannte „Overnight Cost“ – also eine Rechnung, als würde alles in einem Zug gebaut, ohne Zinsen auf die Finanzierung. Gleichzeitig sind spürbare Rückstellungen für technische und industrielle Risiken eingepreist.

Über rund 20 Jahre gerechnet entspricht das Atompaket im Schnitt 3,64 Milliarden Euro pro Jahr – deutlich weniger als das, was Frankreich weiterhin für die Einfuhr fossiler Brennstoffe bezahlt.

Der Verwaltungsrat von EDF hat bereits eine erste Tranche von 2,7 Milliarden Euro für 2026 freigegeben. Dieses Geld fliesst noch nicht in Beton und Stahl, sondern in Bausteine, die Grossprojekte oft entscheiden: Studien, Detailengineering, Bestellungen von Komponenten mit langen Fertigungszeiten sowie den Aufbau und die Vorbereitung der industriellen Lieferkette.

EDF betont, dass die 72,8 Milliarden Euro als Obergrenze zu verstehen seien, nicht als Zielmarke. Nach Darstellung des Managements könnte ein Teil der Rückstellungen ungenutzt bleiben – vorausgesetzt, die Lernkurve greift und die Industrie vermeidet die Verzögerungen und Nacharbeiten, die die erste EPR-Generation geprägt haben, etwa in Flamanville.

Üppige Rückstellungen als Schutz vor bösen Überraschungen

Dass die Summe um 5,4 Milliarden Euro über den Zahlen liegt, die der französische Rechnungshof 2025 veröffentlichte, erklärt sich vor allem durch dieses „Risikopolster“. Statt Schwierigkeiten kleinzurechnen und später Budgetexplosionen zu erleben, versucht EDF, von Anfang an realistischere Sicherheitsmargen anzusetzen.

Diese Rückstellungen decken zum Beispiel Lieferausfälle bei Komponenten, vom Regulierer verlangte Designanpassungen, Neuplanungen bei Hoch- und Tiefbau sowie Terminkonflikte zwischen Hunderten von Subunternehmern.

Nach der Logik von EDF sorgt ein höher angesetztes Budget heute dafür, dass morgen nicht vorschnell von einem Fiasko gesprochen wird – sofern die Endkosten innerhalb des angekündigten Rahmens bleiben.

Die versteckten 200 Milliarden in Leitungen und Transformatoren

In Debatten über die Energiewende stehen meist die grossen Symbole im Mittelpunkt: Kernkraftwerke, Windparks, riesige Solarprojekte. Doch zusammengehalten wird all das durch das Stromnetz. Und genau diese Rechnung fällt in Frankreich noch höher aus als das EPR2-Paket.

Zwei Beträge zeigen die Grössenordnung der Aufgabe bis 2040:

  • 100 Milliarden Euro für die Verstärkung und Anpassung des Höchstspannungs-Übertragungsnetzes (betrieben von RTE);
  • 96 Milliarden Euro für die Modernisierung und den Ausbau des Verteilnetzes (betrieben von Enedis).

Unterm Strich sind das rund 200 Milliarden Euro – allein, damit Elektrizität zuverlässig zwischen Erzeugern, Städten und ländlichen Regionen fliessen kann, in einer Lage mit mehr wetterabhängigen Erneuerbaren, mehr Bedarf durch Rechenzentren und zunehmend mehr Elektroautos auf den Strassen.

Segment Geplante Investition Zeithorizont
Neue EPR2-Reaktoren 72,8 Milliarden Euro rund 20 Jahre
Übertragung (RTE) 100 Milliarden Euro bis 2040
Verteilung (Enedis) 96 Milliarden Euro bis 2040

Damit werden die neuen Reaktoren praktisch zu einem Feldzug in einem viel grösseren Spiel. Ohne verstärkte Leitungen und digitale Umspannwerke erreichen weder Atomstrom noch erneuerbare Erzeugung die Verbraucher mit der Stabilität, die eine elektrifizierte Volkswirtschaft voraussetzt.

Warum ist das Netz so teuer?

Die Summe ergibt sich aus einem Bündel von Treibern: Austausch alternder Anlagen, Anbindung neuer Kraftwerksstandorte weit weg von Ballungsräumen, Digitalisierung für den Betrieb eines deutlich komplexeren Systems sowie zusätzliche Kapazität, um Lastspitzen abzufedern.

Jeder neue Kilometer Höchstspannungsleitung stösst auf Umweltauflagen, lokale Widerstände und Sicherheitsanforderungen. Zunehmend werden Kabel unterirdisch verlegt – was die Kosten pro Kilometer nach oben treibt. Auf der Verteilnetzseite werden Smart Meter, Automatisierung und stärkere Transformatoren zur Pflicht, weil das Netz mit Millionen dezentraler Einspeisepunkte umgehen muss, etwa Solaranlagen auf Hausdächern.

EPR2 schneller bauen, ohne die Technologie neu zu erfinden

Der EPR2 ist als schrittweise Weiterentwicklung gedacht, nicht als technologische Revolution. EDF setzt auf die Vereinfachung bekannter Systeme, die Standardisierung von Bauteilen und vor allem auf eine straffere Organisation der Baustellen.

Als Ziel nennt EDF, die Bauzeit einer Standard-Einheit auf 70 Monate zu senken – gegenüber etwa 96 Monaten, die noch vor einigen Jahren als Referenz galten. Mehr als zwei Jahre sollen durch präzisere Planung sowie bessere Abstimmung zwischen Tief- und Hochbau, elektromechanischer Montage und Testphasen eingespart werden.

  • Weniger Unterbrechungen zwischen Bauabschnitten;
  • Aufgaben so takten, dass verschiedene Teams parallel arbeiten können;
  • Abläufe standardisieren, um Fehler und Nacharbeit zu reduzieren.

EDF zielt auf eine Reduktion der Stückkosten um 30% zwischen dem ersten und dem sechsten Reaktor – getragen vom Serieneffekt und der Wiederholung desselben Designs.

Zwischen dem ersten und dem letzten EPR2 könnte die Bauzeit laut internen Analysen um bis zu 32 Monate sinken. Dieser Fortschritt soll aus der Routine der Teams und einer stabileren Lieferkette kommen – beides fehlte bei früheren Projekten.

Lerneffekte aus China und dem Vereinigten Königreich

Um die Phase der Verzögerungen hinter sich zu lassen, hat EDF Teams zu chinesischen Kernkraft-Baustellen entsandt, die derzeit zu den aktivsten weltweit zählen. Zudem stützt sich der Konzern auf die britischen Vorhaben Hinkley Point C und Sizewell C, wo bereits mehr als 500 französische Fachkräfte im Einsatz sind.

Solche Erfahrungen helfen bei Details, die auf Modellen nicht sichtbar werden: Materialflüsse auf der Baustelle, das Vermeiden von Engpässen beim Schweissen oder bei Inspektionen, sowie die Terminierung von Arbeitsfenstern zwischen verschiedenen Unternehmen ohne Kollisionen.

Eng getakteter Zeitplan – abhängig von Brüssel

Auf dem Papier arbeitet EDF bereits mit klaren Meilensteinen:

  • Endgültige Investitionsentscheidung Ende 2026;
  • erster „Nuklearbeton“ in Penly im März 2029;
  • Inbetriebnahme des ersten EPR2 im Jahr 2038;
  • danach 12 bis 18 Monate Abstand zwischen den folgenden Reaktoren.

Bis dahin fehlt noch das letzte Puzzleteil: die Zustimmung der Europäischen Kommission zum von Paris vorgesehenen System öffentlicher Unterstützung. Die französische Regierung hat Brüssel im November 2025 offiziell notifiziert und ein Modell vorgeschlagen, das in anderen Ländern bereits genutzt wurde.

Das Paket ruht auf drei Säulen: einem grossen Darlehen mit vergünstigten Zinsen, einem langfristigen Vertrag zur Preisstabilität und einem Mechanismus zur Risikoteilung zwischen EDF und Staat.

Ohne grünes Licht der Europäischen Union bleibt die endgültige Investitionsentscheidung blockiert – und die für 2026 vorgesehenen 2,7 Milliarden Euro entfalten praktisch keine Wirkung.

Wie ein Contract for Difference funktioniert

Kerninstrument ist der Vertrag über Differenzen, kurz CfD (Contract for Difference). Dabei wird ein langfristiger Referenzpreis für den Strom aus dem Projekt festgelegt. Liegt der Marktpreis darunter, gleicht der Staat die Differenz gegenüber dem Betreiber aus. Liegt der Marktpreis darüber, führt der Betreiber den Überschuss an das System zurück.

Dieses Modell senkt die Unsicherheit für Investoren und ermöglicht tendenziell günstigere Finanzierung. Im Gegenzug erhält der Steuerzahler mehr Planbarkeit bei der Stromrechnung über Zeiträume von 30 oder 40 Jahren, ohne vollständig den Preisschocks bei Gas oder Öl ausgesetzt zu sein.

Atomkraft ist teuer – keine Atomkraft ebenfalls

Ein besonders schwerwiegender Punkt in der französischen Debatte ist der Vergleich mit der Importrechnung für fossile Energieträger. Frankreich gibt weiterhin zwischen 50 und 110 Milliarden Euro pro Jahr für Öl, Gas und Kohle aus dem Ausland aus. Vor diesem Hintergrund wirken 3,64 Milliarden Euro pro Jahr für das EPR2-Programm weniger abschreckend.

Das heisst nicht, dass Kernenergie plötzlich günstig wird. Es bedeutet nur, dass ein Energiesystem, das auf fossilen Brennstoffen beruht, ebenfalls hohe Kosten verursacht – ganz abgesehen von CO₂-Emissionen und geopolitischer Volatilität.

Faktisch sollen neue Reaktoren parallel zu einem kräftigen Ausbau der Erneuerbaren laufen. Heraus kommt ein anspruchsvoller Mix, der flexible Netzführung, kontinuierliche Verstärkungen und Speicherkapazitäten verlangt. Genau hier bekommen die 200 Milliarden Euro für die Strominfrastruktur ihr Gewicht: Ohne dieses Fundament gerät jede Erzeugungsstrategie ins Wanken.

Szenarien und Risiken auf lange Sicht

Ein mögliches Szenario sind Verzögerungen bei der europäischen Genehmigung oder beim Bau des ersten EPR2. Dann würde sich die Inbetriebnahme über 2040 hinaus verschieben – in eine Phase, in der die Stromnachfrage voraussichtlich durch Elektroautos, Wärmepumpen und neue industrielle Anwendungen steigt. Das kann den Druck auf Grosshandelspreise erhöhen und mehr gasbetriebene Reservekraftwerke erforderlich machen.

Ein weiteres Risiko liegt in der industriellen Fähigkeit, sechs Reaktoren nacheinander abzuliefern. Fehlen qualifizierte Fachkräfte, versagen Schlüsselzulieferer oder treten Konstruktionsfehler auf, verliert der Serieneffekt an Kraft – und die Obergrenze von 72,8 Milliarden Euro könnte auf die Probe gestellt werden.

Auf Netzseite gilt: Verzögerungen beim Übertragungsnetz blockieren den Anschluss neuer Quellen und können dazu führen, dass teurere oder emissionsintensivere Kraftwerke eingesetzt werden müssen. Das ist ein leiser Engpass, der nicht die Schlagzeilen eines Reaktors produziert, aber direkt auf den Strompreis durchschlägt.

Was diese Zahlen für die Energiewende bedeuten

Aus Sicht der Energieplanung ist die Botschaft eindeutig: Die französische Energiewende ist nicht nur eine Technologieentscheidung, sondern ein Infrastrukturprojekt im kontinentalen Massstab. Reaktoren, Kabel, Transformatoren, Zähler, digitale Netze – alles greift ineinander und zieht sich über mehrere Jahrzehnte.

Für Leser helfen einige Begriffe, die Diskussion einzuordnen:

  • „Overnight Cost“: Kostenabschätzung, als würde eine Anlage auf einmal gebaut – ohne Zinsen auf die Finanzierung;
  • Rückstellungen für Risiken: finanzielle Reserven im Budget, um technische oder terminliche Unwägbarkeiten abzufedern;
  • Contracts for Difference: langfristige Vereinbarungen, die Energiepreise für Produzenten und das System stabilisieren.

Im Gesamtbild sind die 72,8 Milliarden Euro für EPR2 ein grosser, aber nicht dominierender Posten einer deutlich schwereren Rechnung: Frankreich über die kommenden Jahrzehnte mit CO₂-armer, verlässlicher und – soweit möglich – für den Geldbeutel planbarer Elektrizität zu versorgen.


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